„Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ – Beobachtung

Dies ist ein Crosspost aus meinem ISP-Blog, welcher aus Datenschutzgründen nicht in Gänze öffentlich sein kann.

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„Indem wir andere sehen, können wir auch uns selbst einmal mit den Augen anderer sehen, damit das, was wir sein möchten, besser mit dem übereinstimmt, was wir tun.“

(M. Dehn „Zeit für die Schrift: Lesen und Schreiben lernen Bd. 1“ (2010); Cornelsen; Berlin; S. 23)

Da ich mich als Subjektwissenschaftler im Sinne der Kritischen Psychologie verstehe, kann es für mich nur eine Form der Beobachtung geben; die der Teilnehmenden Beobachtung, da sie „auf sozialen Beziehungen zwischen ForscherIn und den zu untersuchenden Menschen“[M1] basiert! Dies mag zwar das Risiko der Blinden Flecken in der Wahrnehmung bedingt durch eine zu große Nähe zum zu Beobachtenden führen, doch lässt sich dieses Risiko meiner Meinung nach durch ein stets kritisches Reflektieren der eigenen Perspektive relativieren. Vermeintlich objektive Beobachtungsverfahren wie vom „ISB – Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung – Qualitätsagentur“, welches einen „Beobachtungsbogen für den Unterrichtsbesuch“ (PDF) anbietet, der ein klassisch, quantitatives Ranking im Spektrum 1 – 5 bzw. „trifft überhaupt nicht zu“ bis „trifft vollständig zu“ zur Einschätzung „ob und in welcher Intensität […] Qualitätsmerkmale in der besuchten Unterrichtsstunde vorkommen“ verwendet haben meiner Ansicht nach bereits in der Konzeption einen Fehler.

„Die Standortgebundenheit und Perspektivität sind Grundtatbestände der Beziehung des wahrnehmenden Subjekts zur welt und deswegen real unaufhebbar.“ [M1]

So bietet zum Beispiel der  Bildungsserver Hessen einen Beobachtungsbogen für den Unterricht (PDF), der Orientierung und Denk-/Beobachtungsanstöße bietet und trotzdem alle Freiheiten gewährt, aber weder thematisiert, welche Relevanz die Felder für die Genderstruktur der Klasse haben sollen, noch was eine Verhaltensauffälligkeit sei. Viele der dort angebotenen Aspekte finden sich unformalisiert in meinen Tagebucheinträgen wieder, aber mir ist bewußt, dass

  • die Zuordnung, ob ein Verhalten als auffällig beurteilt wird oder nicht, von mir als Beobachtenden abhängt
  • ein und das selbe Verhalten von einem Kind möglicherweise als störend, von einem anderen hingegen nicht empfunden wird
  • auch intrasubjektiv ein identisches Verhalten zu unterschiedlichen Zeitpunkten und/oder an unterschiedlichen Orten verschiedene Bewertungen erfahren kann

Auch der „Beobachtungsbogen zum Rollenverhalten von Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern im Unterricht“ (PDF) dess „FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ bietet Kategorien von Lehrerpersönlichkeiten zur Orientierung an und droht so zu verwässern, dass jeder Lehrer als gesamte Persönlichkeit immer eine Schnittmenge verschiedener Kategorien, erweitert um nicht kategorial erfasste Aspekte, ist. Konkret zuordnen ließen sich bestenfalls einzelne Handlungen in spezifischen Situationen, wobei auch hier aus einer reinen Außenbeobachterposition die Einschätzung der subjektiven Bedeutsamkeit für die Beteiligten Rollen, mehr als schwierig sein dürfte.

Gerade hier liegt meiner Meinung nach das Potential der Teilnehmenden Beobachtung, da sie sich „keineswegs auf mehr oder weniger passive Handlungen beschränkt“, sondern „immer auch Empathie, Einfühlen und Mitfühlen“ (Hauser S. 38) anstrebt, was eine größtmöglichen Erkenntnisgewinn über die subjektive Bedeutsamkeit ermöglichen kann. Gerade unter der pädagogischen Prämisse die Hintergründe und Anlasse für Lernen, deren Wirkzusammenhänge und -prozessse untersuchen zu wollen, um dort konstruktiv anzuschließen halte ich für dringend geboten.

Damit lande ich wieder bei dem Eingangszitat von Mechthild Dehn. Was ich tun möchte ist im Austausch mit SuS deren subjektiv bedeutsame Lerngegenstände aufspüren und ihnen auf dem Weg der Aneignung so viel wie nötig und so wenig wie möglich Unterstützung bieten. Dem was ich gesehen habe zu Folge bin ich teilweise auf dem richtigen Weg. Dort wo ich gesehen habe, dass ich nicht tue, was ich tun möchte, reflektiere ich stets (auch) mich als Faktor und prüfe kritisch meine Handlungsalternativen.



[M1]Brigitta Hauser-Schäublin: Teilnehmende Beobachtung. In: Bettina Beer: Methoden und Techniken der Feldforschung. Reimer, Berlin 2003; S. 34

[M1]Klaus Holzkamp „Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung Und Gesellschaftliche Funktion Der Wahrnehmung“; Athenäum Verlag, Königstein/Ts., 1978; S.27

~ von evolusin - 2013.Juli 4.

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