Clouducation

(Bild ist ein Mashup von KawaiiCloud & notionscapital und NamensnennungKeine kommerzielle Nutzung bestimmte Rechte sind vorbehalten)

Auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz von Google wurde (wiedereinmal) die Revolution der Bits und Bytes verkündet. Das Chromebook wurde vorgestellt. Die Hardware für die Cloud oder, wie es der Titel eines Aufsatzes von Mark Weiser nennt „The Computer for the 21st Century“. Unbestreitbar ist, dass wir uns inzwischen im 21. Jahrhundert befinden. Cloudcomputing selbst ist hingegen noch stark umstritten.

Die vermeintliche Freiheit auf seine Daten immer und überall zugreifen zu können sieht Dr. Theo Röhle von der Universität Paderborn in seinem Beitrag „Ausweitung der Kontrollzone“ (erschienen in „Kontrolle und Selbstkontrolle – Zur Ambivalenz von E-Portfolios in Bildungsprozessen“) als einen Ausdruck der Kontrollgesellschaft. Dabei sei der Begriff der Kontrolle „nicht gleichbedeutend mit Steuerung, sondern zielt [ziele] eher auf eine Kopplung von Flexibilität und Risikomanagment ab. […]

Abweichungen werden nicht mehr als Problem wahrgenommen, vielmehr ermöglichen die Erfassung und die Analyse von Konsumverhalten die Konstruktion flexibler Cluster, die dem Marketing zugrunde gelegt werden“. (Röhle)

Gerade der letzte Teil liest sich wie das Geschäftsmodell von Google. Und auch die Flexibilität werden sich Brin und Page sicherlich gerne anrechnen lassen. Und wie schaut es mit dem Risikomanagment aus? Während große Clouddienste wie Dropbox oder Googles Android gerade mit massiven Sicherheitsmängeln konfrontiert werden, wird in anderer hinsicht gerade die Cloud als Sicherheitsargument angeführt. Unternehmen wie Google könnten in ihren Serverfarmen eine Sicherheit gewährleisten, die unter anderen privaten Bedingungen nicht möglich wäre.

Röhle beschäftigt sich nun mit der Analyse eines sehr konkreten Bereichs; der universitären IT-Infrastruktur. In Singapur ist Gogle bereits großflächiger Bildungs-IT-Dienstleister.Das Chromebook soll diesen Weg international weiter voran schreiten.

„Vorgestellt wurde ein Abonnement-Modell: Für 28 Dollar pro Arbeitsplatz im Monat sollen Chrome-OS-Rechner für Firmen zur Verfügung gestellt werden – einschließlich automatischer Hardware-Upgrades. Universitäten wird der gleiche Service für 20 Dollar angeboten. Dieses Abo-Modell soll es auch in Europa geben, die genauen Preise seien aber noch unklar.“ (SpOn)

Mit Google Apps wird ein Softwarepaket zur Verfügung gestellt, welches ohne Frage auch für Studienbedingungen des 21. Jahrhunderts beste Voraussetzungen liefert. Wer, so wie ich, mit dem konstanten Desaster STINE an der Uni-Hamburg konfrontiert ist wird ohnehin Probleme haben nachzuvollziehen, weshalb es überhaupt noch universitätsinterne IT-Infrastruktur gibt. Um so mehr, als sich mit STINE und Google Apps jeweils Repräsentanten eines Disziplinar- und eines Sicherheitsdispositivs gegenüberzustehen scheinen. Während das Disziplinardispositiv durch Restriktion versucht Subjekte einer (konstruierten) Norm unterzuordnen (Studium heute), ist es dem Sicherheitsdispositiv genuin die Subjektivität von Individuen anzuerkennen und durch deren Analyse potentiellen Gefahren entgegenzuwirken. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass die Hochschulen unter immer stärkerem finanziellen Druck stehen, so dass das Angebot Googles, all die schönen Produkte kostenlos und, im Falle von Buisness-/Uni-Bundles, werbefrei zur Verfügung zu stellen fast zu schön ist um wahr zu sein.

Nun muss man kein Hellseher sein um die Vorteile Googles eines solchen Deals zu identifizieren. Nutzerbindung und Datamining. Die Demografie an Universitäten bietet nicht nur die Möglichkeit Trends und Bedürfnisse von heute aufzuspüren, sondern auch auch auf diesem Weg langfristige (entwicklungspartnerschaften) zu etablieren. Wer in der Hochschule mit Googleprodukten arbeitet, der wird dies auch im privaten Leben tun. Röhl warnt davor den Tausch „technisch sehr ausgereifte Produkte […], die gerade für den Bildungsbereich besonders gut geeignet sind“ mit seinen Datenprofilen, aufgrund derer einem Produktwerbung angeboten wird, die einen möglicherweise tatsächlich anspricht, als „fair“ zu betrachten.

„Die zunehmende Verdatung der Bildung ist vor dem Hintergrund einer insgesamt zunehmenden Verdatung und komerziellen Nutzbarmachung immer weiterer Lebensbereiche […] zu betrachten.“ (Röhle)

Unter Bezug auf Lazzarato warnt er vor „Indienstnahme“ (Parzellierung des Subjekt in marketinrelevante Datensätze) und „Unterwerfung“ (Verortung des Subjekts in spezifischen Marktsegmenten) durch Google, die langfristig zu Abhängigkeit eines externen Dienstleiters und Reduzierung auf verwertungsrelevante Aspekte führen würden.

Im ersten Fall habe ich weniger Bedenken. Wann immer in der Geschichte des Internets ein Dienst verschwand trat ein neuer auf den Plan (mySpace -> facebook, delicious -> diigo, napster -> iTunes, …). Die größere Gefahr sehe ich in dem zweiten Aspekt. Der Dienst, den ich brauche wird mir nur dann angeboten, wenn ausreichend kommerziell interessante Nutzer ihn ebenfalls haben möchten. Wer laktoseintolerant ist wird Schokoladen- und Vanillepudding sicherlich nicht als Wahl verstehen, sondern sich zum Beispiel Obst wünschen. Das Risiko besteht meiner Meinung nach nicht darin, dass ich Inhalte/Werbung zu sehen bekomme, die ich tatsächlich interessant finde, ohne dass ich es vorher  wusste, sondern darin, dass Inhalte nicht mehr oder nur schwer zu finden sind, weil sie kommerziell nicht verwertbar sind. Spätestens wenn Google über Werbeeinnahmen nicht mehr genügend Geld verdient wird es seine gegenwärtig marktbeherrschende Stellung nutzen und verschiedene Dienst kostenpflichtig machen. Dann wäre ein Szenario vorstellbar, wie es gegenwärtig mit Aids-Generika auf dem afrikanischen Markt zu beobachten ist.

Verwendete und weiterführende Literatur und Links:

~ von evolusin - 2011.Mai 18.

2 Antworten to “Clouducation”

  1. „[…] weshalb es überhaupt noch universitätsinterne IT-Infrastruktur gibt […]“

    Das Standardargument lautet: um die Datensicherheit für die User zu garantieren. Man könnte sich trefflich über Sinn und Unsinn des Konzeptes „Datensicherheit“ streiten, mein Punkt ist aber ein anderer: für personenbezogene Daten (die noch dazu juristische Relevanz besitzen, z.B. universitäre Prüfungsleistungen) gibt es notwendige minimale Aufbewahrungs- und Zugriffsfristen. Wenn sich ein Unternehmen, sei es Google, vertraglich bindet – und das muss aus eben diesen Gründen notwendige Bedingung sein – dann kann nicht ex post die Verfügbarkeit verknappt werden. Trotzdem verspricht ein solches Verfahren keine nachhaltige Lösung. Man könnte sich auch trefflich über Sinn und Unsinn des Konzeptes „nachhaltige Lösung“ mit Blick auf kontinuierliche Softwareentwicklung streiten, aber man kann auch einen Shortcut nehmen: ein offener Quellcode garantiert Nachhaltigkeit, weil man mit entsprechenden Skills den Fortbestand der relevanten Software garantieren kann. Aber Sekunde… haben wir jetzt etwa „Datensicherheit“ und „offene Quellcodes“ auf Tisch?

  2. Sehr geehrter Herr Beier,
    ich schreibe Sie im Namen des Projektes InKö – Integration / Inklusion – Köln an. InKö ist ein universitäres Informationsportal zum Themenschwerpunkt integrative / inklusive Bildung und wird vom Department Heilpädagogik und Rehabilitation der Universität zu Köln betrieben. InKö zielt schwerpunktmäßig auf Fragen der integrativen / inklusiven Bildung und Erziehung im schulischen Bereich ab und versteht sich als überregionale Plattform, auf der Literatur, didaktische Projekte aus der Praxis, Elterninformationen etc. zur Verfügung gestellt werden.

    Wir sind durch Ihren Blog auf ihre Bachelorarbeit aufmerksam geworden und würden diese gerne auf unserer Homepage veröffentlichen.
    Falls Sie Interesse an einer Veröffentlichung haben sollten, melden Sie sich gerne bei uns .

    Mit freundlichen Grüßen
    Kim Müller-Florath
    für das InKö-Team

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