Bildungsministerin Schavan im SpOn-Interview „Es gibt kein gerechteres Kriterium als Leistung“

Bildungsministerin Schavan hat SpOn ein Interview gegeben (Link). Hier mein Kommentar in Gänze, der leider bei SpOn gekürzt werden musste.

Der Gedanke, dass das abstrakte Konstrukt der Leistung ein Maßstab zur Selektion böte macht ausschließlich für neoliberale Besitzstandwahrung Sinn. Durch die von frühester Kindheit an ungleichen Voraussetzungen seinen Weg in einer kapitalistischen Gesellschaft zu gehen (vgl. z.B. hier) ist es falsch einen „fairen Wettbewerb“ zu propagieren. Des Weiteren sind die Leistungsparameter Noten längst obsolet. Sie gaukeln vor, die komplexen Fähigkeiten einer Person auf Zahlen runterbrechen zu können. An dieser Stelle empfehle ich sich mit der Kritischen Psychologie Klaus Holzkamps zu beschäftigen, der in Aufsätzen wie „Lehren als Lernbehinderung“ und seiner eigenen Lerntheorie die Unsinnigkeit unseres Bildungssystems enttarnt. (Einen kurzen Einstieg findet man sonst auch hier.)

Darüber hinaus ist es äußerst „elegant“ von Fr. Schavan zu sagen:

Ich werde einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Stipendienvergabe durch die Hochschulen vorsieht. […] Außerdem werden die Hochschulen die Gelder selbst einwerben. Nicht nur bei der Wirtschaft, sondern auch bei ehemaligen Studenten – da gibt es ein enormes Potential und die Möglichkeit, für die Studienfinanzierung einen Generationenvertrag einzugehen.“ (Quelle: SpOn)

Mit anderen Worten: sie selber tut nichts und diejenigen, die bereits ohnehin kein Geld haben, die Hochschulen, sollen die Zeche für die desaströse Bildungspolitik zahlen.

Aber nehmen wir einmal an, dass ein warmer Regen an Stipendien und BaföG auf die Studierenden herunter regnet.
Wie sorgt dieses gerade so am Leben erhalten für bessere Betreuung der Studierenden, wie kommen dadurch mehr Professoren an die Universitäten, wie ermöglichen wir dadurch Menschen ein Studium, die auch mit Stipendium unter der Armutsgrenze sind, wie wird dadurch die bisherige Ausrichtung der Lehre auf wirtschaftliche Verwertbarkeit und Gewinnmaximierung reformiert? Gar nicht! Dies ist lediglich ein Konzept, was auf die alte Maxime „Voller Bauch revoltiert nicht gern“ setzt. Nur das der Bauch nicht voll ist, sondern der Mensch, dem dieser Bauch gehört, gerade eben nicht verhungert. Mir kommt dabei das Bild eines Esels in den Sinn, dem man mit einer Konstruktion eine Möhre vor das Maul hält, so dass er sie zwar als Motivation für eine Vorwärtsbewegung sehen, aber nie mit dem Maul erreichen kann. Vielleicht sieht Fr. Schavan uns Studierende ja ähnlich.

Um zum Schluss noch mal auf den Grundgedanken des „Leistung muss sich lohnen; deshalb Stipendien“ zurück zu kommen folgendes:
Ich habe mich beim Ministerium von Fr. Schavan angebotenen Aufstiegsstipendium beworben. Dieses Stipendium richtet sich gezielt an Menschen, die bereits eine Berufsausbildung haben und besonders gute Leistungen gezeigt haben. Da Bundesgesetze vorsehen, dass ich altersbedingt  kein BaföG bekomme (BaföG §10) und nicht mehr den Studententarif in der Krankenkasse [nicht wegen Studienzeit; ich bin im 3. Semester], dort also mehr zahlen muss (SGB V, §5, Abs. 1, Nr.9), meine letzte Hoffnung. Mit einer großartigen Note im Abschlusszeugnis [ich weiß; hab das Kriterium ja nicht ausgewählt] meiner Ausbildung und weit überdurchschnittlicher Erfahrung, die auch noch durch erstklassige Arbeitszeugnisse dokumentiert ist, sollte man meinen, dass ich die richtige Zielgruppe bin. Weit gefehlt! Ich bin Pädagoge, um genau zu sein Heilerzieher, und studiere jetzt Sonderpädagogik. Pädagogik ist aber noch nicht einmal im Anmeldeformular für das Stipendium, welches von Fr. Schavans Ministerium vergeben wird, vorgesehen. Mein Eindruck ist, dass unsere Gesellschaft dringend qualifizierte Pädagogen benötigt. Dies scheint nicht die Ansicht des Bildungsministeriums zu sein.

So kann ich nur versuchen mit zwei konstanten Nebenjobs und durcharbeiten in der vorlesunsfreien Zeit, in der ich natürlich auch meine Prüfungen schreibe, sowie diversen sporadischen Jobs, mein Studium selber zu finanzieren. Über die Armutsgrenze habe ich es damit zwar bisher noch nicht geschafft, aber wenn es das nächste mal in den Medien wieder heißt, dass viele Stipendiengelder noch nicht einmal in Anspruch genommen würden denke ich mir dann einfach: „Wieso auch, schließlich sollen die Menschen doch was leisten?

(Quelle Bild Sisyphos)

[Update]

In meinem letzten obigenKommentar (http://tr.im/MeZO) habe ich mich in erster Linie zu Stipendien und BaföG geäußert.
Mojito Diver spricht jetzt die Qualität an, die unser Bildungssystem hervorbringt.
Neben der sicher unstrittig bestehenden Klüngelei innerhalb finanzstarker Kreise ist aber gerade das Leistungs Konzept dafür verantwortlich, dass viele Studierende trotz toller Zeugnisse oft nur bedingt Arbeitsfähig sind. Die nach wie vor verbreitete Illusion vom Lehrlernen sorgt dafür, dass wir meinen, dass das was gelehrt wurde auch gelernt wurde. Um sicher zu gehen prüfen wir es ab. (Um diesen Taschenspielertrick des Lehrlernens nachzuvollziehen siehe Holzkamp in meinem letzten Kommentar)
Weil viel gelernt werden soll, lehren wir viel und prüfen wir viel. Diese Orientierung an der Quaantität führt notwendigerweise zu einer Oberflächlichkeit in der Lehre,um genau zu sein, zu reiner Reproduktion, die Überfrachtung mit Prüfungen zum Bulimie-Lernen. Die Folge ist, dass das Meiste kurz nach der Prüfung nicht mehr präsent ist und der klägliche Rest der doch hängen geblieben ist aus „Formeln“ besteht, die aus dem (vor)letzten Jahrhundert besteht. Da kann man auch nach dem scheitern des neoliberalen Wirtschaftsmodells von BWL-Studenten nicht erwarten, dass sie was anderes tun als auf die Gesetze des Marktes zu setzen.Ihnen wurde im Studium schließlich nicht der Raum gegeben kritisch und selbstständig Alternativen zu überlegen.
Was wir meiner Meinung nach in der Bildung brauchen ist nicht Reproduktion sondern Kreation!

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~ von evolusin - 2010.Januar 31.

2 Antworten to “Bildungsministerin Schavan im SpOn-Interview „Es gibt kein gerechteres Kriterium als Leistung“”

  1. […] wird, allerdings darf bei einer Schwarz-Gelben-Regierung mit einer Bildungsministerin Schavan [ausführlicher Kommentar zu ihrer Politik] wohl nicht zu viel Hoffnung in den Staat gesetzt werden. Auch bin ich skeptisch, was die Umsetzung […]

  2. […] das Studium zuständige Bildungsministerin Schavan aber mal gehörig den Marsch blasen müssen. Gerade letztere hatte sich erst kürzlich dafür eingesetzt, dass Leistung bestimmendes Kriterium in… “Rösler habe mit […] Bundesbildungsministerin Annette Schavan über das Thema gesprochen […]

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