Werte, Demokratie und Qualität – war da was?

Auf meinem MP3-Player hat sich mal wieder ein lange nicht gehörtes Album eingefunden. Folgende Textzeile wird zwar ursprünglich im Zusammenhang mit Medizinern gebracht, doch bringt sie eines meiner Hauptmotive mich im Bildungsstreik zu engagieren ziemlich gut auf den Punkt.

“ […] Wer bestimmt Werte? Weiße Gelehrte deren Menschlichkeit fehlte, da man sie ihnen nie lehrte. Eine wissende Herde von weißen Schafen, die ihr Gewissen verwerfen, um nachts noch zu schlafen. […]“

(Quelle: Fiva MC & Radrum „Zeit die mir bleibt“)

Seit ich mein Studium an der Uni-Hamburg begonnen habe und mich mit den Bedingungen diese Studiums auseinandersetze frage ich mich, wie eine Gesellschaft aussehen soll, deren Lehrer während ihres Studiums dazu genötigt wurden auf Lasten anderer ihren Vorteil zu suchen (Masterplatzbeschränkung),wo sie späteren Schülern eigentlich Kooperation und Rücksichtnahme vermitteln sollten?

Wie werden Lehrer, die während ihres Studiums zur Aufgabe ihres Soziallebens genötigt wurden (Workload), später einmal Menschen an die Orientierung in der sie umgebenden Gesellschaft heranführen?

1987 schrieb der Moralpsychologe Lawrence Kohlberg:

Mit achtzehn Jahren wird der Jugendliche zum Bürger einer Demokratie, mit den Rechten zu wählen und der Pflicht, Waffendienst zu leisten. Wo und wie soll der Achtzehnjährige gelernt haben, ein an der Demokratie aktiv teilnehmender Bürger zu sein? Zuhause nicht. Es ist wünschenswert, wenn in der Familie demokratische Grundsätze herrschen. Aber selbst wenn dem so ist, kann die Familie keinen demokratischen Bürger hervorbringen, denn sie ist nur eine kleine Gruppe. […] Nur die Schule, vor allem die Sekundärschule – bei uns Highschool -, kann Demokratie so lehren, daß der Jugendliche aktiv beteiligt ist. Anders als das Elternhaus ist die Schule eine sekundäre Institution, eine komplexe, regelgeleitete Institution. Im Unterschied zur Gesellschaft im breiten politischen Sinne ist sie jedoch kleiner, leichter zu lenken, und sie kann einen Geist der Gemeinschaft haben, der – wie wir sehen werden – in der Entwicklung einer allgemeinn Übereinstimmung in Bezug auf Fragen des öffentlichen Wohlergehens sehr wichtig ist.

(Quelle: Kohlberg. L: Moralische Entwicklung und demokratische Erziehung. In: Lind, C; Raschen, J.
(Hrsg.): Moralische Urteilsfähigkeil. Weinheim/Basel 1987)

Die Übertragbarkeit auf Universitäten dürfte auf der Hand liegen. Warum aber rätseln wir jetzt über geringe Wahlbeteiligungen und Profillosigkeit der Politiker, wenn die Lehrer von morgen nach zwölfjährigem Turboabi in das Lehramtsstudium eintreten und dort mit einem wirtschaftlich orientierten Top-Down-Prinzip anstelle von demokratischer Mitbestimmung konfrontiert werden. Nach fünf Jahren Regelstudienzeit sollen sie die Demokraten von morgen bilden.

Aber womit sollen sie sie bilden? Die Inhalte sind in starren Modulstrukturen und Kerncurricula festgemeißelt. So reproduziert man per Bulimie-Lerning zu den Klausuren, was gefordert wird. Die Konsequenz ist, dass auch in der späteren beruflichen Praxis die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass  nicht mehr als Reproduktion passiert. Innovation und Kreativität bleiben im einstigen Land der Dichter und Denker hingegen auf der Strecke.

Ja, es ist richtig, dass der Bildungsstreik sich auch gegen Studiengebühren richtet. Aber was (meiner Meinung nach) noch viel wichtiger ist, ist ein Studium, welches studierbar ist. Wir brauchen ein Studium, welches es uns ermöglicht interessengeleitet zu studieren, da wir nur so gesellschaftliche Weiterentwicklung ermöglichen können, da nur auf diesem Weg eine Tiefe erreicht wird, die qualitativen Ansprüchen genügen kann. Nur so können wir unterschiedliche Profile als Alternative zu gleich geschalteten Dronen entwickeln. Wir benötigen ein Studium, welches es uns ermöglicht Teil einer Gesellschaft zu sein, mit ihr zu interagieren, zu diskutieren und diese Erfahrungen und Erkenntnisse als neue Sichtweisen mit zurück in unsere Studien zu nehmen. Wir brauchen ein Studium, in dem wir lernen Verantwortung zu übernehmen, Anerkennung zu erfahren und an Entscheidungsprozessen zu partizipieren.

Sicher, die Liste könnte noch weitergehen, aber ich denke, dass jeder noch eigene Punkte findet. Auch halte ich die Kritik für übertragbar auf nahezu jedes Studienfach.

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~ von evolusin - 2009.Dezember 5.

2 Antworten to “Werte, Demokratie und Qualität – war da was?”

  1. […] der Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie, Bewegungswissenschaft der Uni-Hamburg, also die Lehrer von morgen, in einem offenen Brief mit angehängter Online-Petition. Aber nicht nur die Meinungen anderer […]

  2. Es geht wohl darum, dass die Rädchen sich im Getriebe schön mit- und weiterdrehen. Gedrillte Lehrer, und Lehrer, die Drill vermitteln, ohne Empathie, sind aber auch ncihts Neues…

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