Ein Leseverständnistest für Erst- bis Sechstklässler – eine Vorstellung

Ein Leseverständnistest für Erst- bis Sechstklässler, kurz ELFE 1-6, ist von Wolfgang Lenhard und Wolfgang Schneider, von der Uni-Würzburg entwickelt worden.

Mind-Map ELFE 1-6

  1. Wortverständnis: Einem Bild soll das richtige Wort zugeordnet werden. Die angebotenen Wörter verfügen dabei über die selbe Silbenanzahl und die falschen Antworten sind vom Laut- und Schriftbild der richtigen Antwort möglichst ähnlich. Erfasst wird dabei die Dekodierung, also die Ganzwort Erkennung.
  2. Satzverständnis: In diesem Test wird ein Satz gezeigt, bei dem für eine Auslassung verschiedene Wörter angeboten werden. Diese gehören immer der selben Wortart an und sollen sich nach Möglichkeit wieder in Laut- und Schriftbild ähneln. Die Angebotene Wortart (Substantiv, Verb, Adjektiv, Präposition, Konjunktion) variiert von Satz zu Satz. Erfasst wird mit diesem Test die Fähigkeit zum sinnentnehmenden Lesen, also die syntaktische Fähigkeit.
  3. Textverständnis: Nach einem kurzen Text und einer darauf bezogenen Frage muss die Testperson unter vier Antworten die richtige auswählen. Dafür müssen dem Text Informationen entnommen werden können und Sätze zueinander in Verbindung gesetzt werden. Erfasst wird neben der Informationsentnahme, das Satzübergreifende Lesen (Herstellung anaphorischer Bezüge) und  schlussfolgerndes Denken (Inferenzbildung).
  4. Lesegeschwindigkeit: Beim Test zur Lesegeschwindigkeit werden kurz Vornamen „im Anschluss an einen kurzen Hinweisreiz einzeln für kurze Zeit eingeblendet und nach Ende der Darbietungszeit durch eine Helligkeitsmaske maskiert. Die Auswahlalternativen werden erst mit Beginn der Einblendung eines Namens aktiviert und nach der Antwort wieder gesperrt. Zu jedem vorkommenden Jungennamen existiert im Itempool ein vergleichbarer Mädchennamen, der jeweils über die gleiche Anzahl an Buchstaben verfügt und der dem Jungennamen möglichst ähnlich ist, wie z. B. Katrin – Martin, Ulrich – Ulrike usw.“ (Quelle) Der Test zur Lesegeschwindigkeit kommt nur in der Computerversion vor. Um eine Vergleichbarkeit zur Papierversion zu gewährleisten wird das Ergebnis gesondert ausgewertet und fließt nicht in die Gesamtauswertung mit ein.

Persönlich kann ich mir Schwierigkeiten bei der Vergleichbarkeit von Computer und Paper-Pencil-Test durch die unterschiedliche optische Gestaltung vorstellen.

Satzverständnistest ELFE 1-6 CompterSatzverständnistest ELFE 1-6

 

Links ist die Computer- und rechts die Papierdarstellung zu sehen. Da Erstere farblich gestaltet ist, während Zweitere schwarz-weiß ist, könnte Farbe zu einem Einflussfaktor werden; sowohl auf der Präferenzebene, als auch im Rahmen von Sinnesbeeinträchtigungen.

 

Die Erfassung der Lesegeschwindigkeit über das Anbieten und zuordnen von Vornamen auf der Grundlage von Geschlechtlichkeit erscheint mir ebenfalls schwierig. Neben kulturellen und epochalen Unterschieden im Bezug auf Namen, ist auch die optische Gestaltung (siehe Link) nicht zwingend und reproduziert darüber hinaus möglicherweise auch noch stereotype Rollenzuweisungen bzw. Gesellschaftsbilder.

Auch empfiehlt sich in meinen Augen eine Grundsätzliche Skepsis im Bezug auf die Aussagekraft und die Hintergrundmotivation. Der ermittelte „Leistungsstand“ gibt weniger Aufschluss darüber, welchen Lesestand das Kind in seiner persönlichen Entwicklung erreicht hat, sondern wie sich das individuelle Ergebnis im Vergleich zu Kontrollgruppen verhält. Die Bewertung von Kindern nach Normtabellen erscheint mir zumindest diskutabel. Die Bezugsseite für ELFE 1-6, die Testzentrale, bietet darüber Hinaus ein fröhliches Test-Shoppingvergnügen, wo per click-and-buy der richtige Test für das richtige Ergebnis gekauft werden kann. Unter dem Link „Schulfähigkeit“ werden dort immerhin 18 Tests angeboten. Und das, obwohl es zum Beispiel im Hamburger Schulgesetz (PDF) heißt:

㤠1 Recht auf schulische Bildung

Jeder junge Mensch hat das Recht auf eine seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Bildung und Erziehung und ist gehalten, sich nach seinen Möglichkeiten zu bilden. Dies gilt ungeachtet seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen oder einer Behinderung. Das Recht auf schulische Bildung und Erziehung wird durch ein Schulwesen gewährleistet, das nach Maßgabe dieses Gesetzes einzurichten und zu unterhalten ist. Aus dem Recht auf schulische Bildung ergeben sich individuelle Ansprüche, wenn sie nach Voraussetzungen und Inhalt in diesem Gesetz oder aufgrund dieses Gesetzes bestimmt sind.

(Bildquelle der Papiertestbeispiele)

(Bildquelle der Computerbeispiele)

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~ von evolusin - 2009.November 1.

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