Kampf um Seminarplätze! Verdrängung traditioneller Studiengänge an der Uni Hamburg

Sumo(Foto: Es)

Da ich die im Folgenden beschriebene Situation dieses Semester des öfteren miterleben musste, nehme ich dies zum Anlass einen Gastbeitrag von Julien Behrmann und Ingo Balzereit an dieser Stelle zu posten, den die beiden mir unter dem Titel dieses Artikels zugesandt haben. Von meiner Seite gab es keine Veränderungen oder Kürzungen am Text.

Die erste Woche des Semesters war alle halbe Jahre wieder -nicht nur für uns werdende Pädagogen ein guter Termin: Voller Vorfreude auf ein lehrreiches Semester gingen die Studenten zum Campus um Seminare zu besuchen, die man entweder besonders spannend fand oder, das muss man gestehen, die eben noch abgehakt werden mussten. In den letzten Jahren haben sich diese Erwartungen an die ersten Seminarsitzungen des Semesters geändert. Auch wenn die Vermutung jetzt nahe liegt, möchten wir in diesem Text nicht näher auf den erhöhten Leistungsdruck der verschulten Bachelor Studiengänge eingehen: Einem Leistungsdruck, der aus der Überbürokratisierung der neuen Studiengänge resultiert und aufgrund dessen die Abbrecherquote zu hoch ist. In diesem Text geht es um eine andere Gruppe von Kommilitonen, die ebenfalls erheblich von den Negativauswirkungen des Bolognaprozesses betroffen sind. Eine Gruppe, die ihr Schicksal aufgrund der unhaltbaren Studienbedingungen des BA/MA Systems bis zum Bildungsstreik weitestgehend im Hintergrund ertragen hat. Die im Bachelor Studiengang zugelassenen Kommilitonen sind schließlich noch viel schlimmer dran. Nichtsdestotrotz hat die Verdrängung der „alten“ Studiengänge eine neue Qualität angenommen, die in diesem Text ausgeführt werden soll.

 

Wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt

Es geht um jene Studierende, die vor dem Wintersemester 07/08 an der Uni Hamburg zugelassen wurden: Eine Leidensgemeinschaft, die seit dem genannten Datum Studierende der traditionellen Studiengänge genannt wird. Studierende, die versuchen, ihr Grundstudium abzuschließen oder erste Hauptseminare zu besuchen und vor ihren Kommilitonen der BA-Studiengänge herstudieren. Vor den Bachelor Studierenden herzustudieren bedeutet, die gleichen Seminare wie ihre jüngeren Kommilitonen der BA Studiengänge zu besuchen, ohne jedoch ein Anrecht auf einen Seminarplatz zu haben! Dies äußert sich konkret so, dass BA Studierende bei der Vergabe bevorzugt werden.
Aufgrund der unflexiblen Studienstruktur muss die Uni ihnen einen Seminarplatz garantieren. Staatsexamer, Magister und Diplomer hingegen haben schließlich die „Freiheit“, sich für ein anderes Seminar zu entscheiden oder dies in einem späteren Semester zu belegen.

 

Freiheit als Damoklesschwert

Doch was bedeutet diese „Freiheit“ bei den derzeitigen Zuständen für die Studierenden der traditionellen Studiengänge? Es bleibt nur ein Bruchteil der Seminarplätze für eine Vielzahl von Kommilitonen übrig, nachdem alle Bachelorstudierende versorgt worden sind: Hier wird gelost oder nach Fachsemestern ausgesucht, ggf. werden Tränen vergossen oder es wird anhand der STiNE TeilnehmerInnenliste selektiert. Ein überwiegender Teil der noch Übriggebliebenen fliegt aus dem Seminar und hat die Freiheit, sich eine Alternativveranstaltung zu suchen. Freiheit unter Druck Die Fahndung nach Alternativveranstaltungen läuft meistens ins Leere oder führt zu Überschneidungen. Besonderer Druck wird dadurch aufgebaut, dass die traditionellen Studiengänge an der Fakultät für Erziehungswissenschaft in rund fünf Semestern auslaufen. Dies setzt die Studiererden unter erheblichen Druck, gerade wenn man bedenkt, dass bereits dieser Tage Pflichtveranstaltungen aus kapazitären Gründen nicht länger angeboten werden.

 

Kapazitär unsozial

Der Druck auf die traditionellen Studiengänge ist seitens des BAföG Amtes ohnehin schon hoch. In den traditionellen Studiengängen ist das Grundstudium in vier Semestern abzuschließen um weiterhin gefördert zu werden. Bereits in der Vergangenheit ist dies aufgrund von Überschneidungen nicht möglich gewesen. Viele Unterrichtsfächer mussten von den Studiereden eigenständig unter einen Hut gebracht werden. Wenn nun Veranstaltungen nicht länger angeboten werden und wenn bei der Seminarplatzvergabe die Studierenden der alten und neuen Studiengänge gegeneinander ausgespielt werden, rückt die Erfüllung der Vorgaben des BAföG Amts und dessen Förderung in weite Ferne. Hinzukommend wird eine ungewollte Verlängerung des Studiums mit Studiengebühren bestraft.

 

Sparkurs der Uni Verwaltung

Im April dieses Jahres machten die Studierenden der Fakultät für Erziehungswissenschaft in einer Protestwoche auf die geplanten Kürzungen aufmerksam. Das Präsidium unter der ehemaligen Uni Präsidentin Auwerter Kurtz sah Kürzungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro vor. Über die Studierendenproteste berichtete unter anderem taz.de ausführlich. Diese Kürzungen werden zufolge haben, dass die TeilnehmerInnenzahl in den Veranstaltungen erhöht werden könnte oder Vorlesungen Seminare verdrängen, damit die Betreuungsrelation gesenkt wird. Es ist zu befürchten, dass dadurch auch die Betreuungsqualität leidet.

 

Unsere Position

Man sieht, dass sich mit der Umstellung der LehrerInnenbildung in Hamburg neben der übereilten Implementation der Studiengänge weitere Baustellen ergeben, die der chronischen Unterfinanzierung der Universität als Ganzes und der Fakultät für Erziehungswissenschaft geschuldet sind. Es ist nicht hinzunehmen, dass durch die Einsparungen neue und alte Studiengänge gegeneinander ausgespielt werden. Wir fordern eine Ausweitung des Lehrangebots, so dassStudierende der traditionellen Studiengänge ihr Studium in angemessener Zeit absolvieren können und dabei nicht entgegen ihren wissenschaftlichen Interessen in Resteveranstaltungen abgespeist werden. Eine fehlgeleitete Kürzungspolitik verschärft diese Problematik und kann von den Angehörigen der Universität und der Fakultät für Erziehungswissenschaft nicht akzeptiert werden.

Hier noch ein PDF mit einer Auslauftabelle der traditionellen Studiengänge an der Uni-Hamburg.

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~ von evolusin - 2009.Oktober 29.

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