Impuls: Kindheit im 21. Jahrhundert? Mediologie & Kunstpädagogik

Die im Titel verwandte Frage muss unweigerlich zu Marc Prensky führen, der die Begrifflichkeiten von Digital Native und Digital Immigrant entwickelte. Jene Digital Natives sind die Kinder des 21. Jahrhunderts. Prensky denkt seinen pädagogischen Ansatz von Computerspielen her. Was für uns Computerspiele waren ist für sie ein Teil ihrer Lebensrealität und so vollziehen sie den Schritt vom Spiel zur Performance und Weltaneignung.

Im 21. Jahrhundert geboren worden zu sein (oder seine Kindheit darin zu bestreiten) bedeutet in der Hypershäre geboren zu sein. Eine Begriff, der auf die Mediospären nach Regis Debray zurückzuführen ist. Vor der Hypersphäre lebten wir in der Videosphäre, davor in der Graphosphäre und zu Beginn in der Logosphäre; oder mit anderen Worten: „Zu Anfang war das Wort“!

Und heute?

Heute agieren die Kinder des 21. Jahrhunderts mit Wörterwolken!

Um Kunst mit den Augen der Mediologie zu untersuchen und die Mediologie unter Kunstpädagogischen Kriterien zu begutachten empfiehlt es sich, sich mit den Publikationen von Torsten Meyer zu befassen. Zum Einstieg empfiehlt sich, der Titel legt es nahe, „Mediologie (in) der Kunstpädagogik“ (.pdf). Dort skizziert er den Wandel vom Status des Bildes durch die Mediosphären von der Reliquie, über das Ikonische Zeichen hin zur Wahrnehmung.

Für die Schule der Video-/Hypersphäre könnte der mediologische Blick bedeuten, dass das Fach, das sich mit dem Phänomen Bild beschäftigt, nicht in erster Linie auf eine Geschichte der Kunst als große, hochkulturelle Erzählung vergangener Zeiten rekurriert, sondern sich wesentlich beschäftigt mit dem „Kontinent“ des Visuellen.“ (Meyer,“Mediologie (in) der Kunstpädagogik“, 2009)

Vertieft wird dieses Thema in „sense&cyber – Kunst, Medien, Pädagogik„, von Claudia Lemke, Torsten Meyer, Stephan Münte-Goussar und Karl-Josef Pazzini, welches  „die Integration neuer Medien-Technologie in die Praxis von Kunstschulen“ erprobt. „An verschiedenen Orten mit individuellen Ansätzen unter unterschiedlichen Bedingungen kreisen Methoden, Konzepte und Inhalte um einen von der Kunst her gedachten Begriff von »Medium« und eröffnen dabei Möglichkeiten, ästhetische Bildung im Kontext »neuer« Medien »neu« zu denken.“ 

Ausführlich wird dieses Thema auch von Meyer in seiner Dissertation“Interfaces, Medien, Bildung – Paradigmen einer pädagogischen Medientheorie“ ergründet, in der er die „Haut“ und den „Inhalt“ des Dargestellten erforscht; mit dem Anspruch eine neue Darstellung für Text zu finden, oder wie der „digitale Klappentext“ es nennt: „HyperText auf Papier – Wissenschaft an der Grenze zur Kunst.

Neben Meyer sind in „kiss – Kultur in Schule und Studium“ (.pdf) auch noch weitere Autoren vertreten.

Studierende der Kunstpädagogik treffen auf Künstlerinnen und Künstler, sie sprechen mit ihnen über Unterricht, erläutern ihre Ideen und kommen mitunter auf ganz neue Gedanken. Und sie erproben das Besprochene in der Praxis. Dabei zeigt sich vielleicht, dass es mehr Reibungen gibt als erwartet, dass die jeweilige (Bildungs-)Institution ihre eigenen Regeln besitzt und Schülerinnen und Schüler ihre eigene Vorstellung von Kunstunterricht haben. Es wird deutlich, dass Theorie der Erprobung in der Praxis bedarf wie umgekehrt jede Praxis eine theoretische Basis braucht.“ (Quelle: kiss)

Kunstpädagogik und Mediologie – zwei Wissenschaften, die im Prozess einer kontinuierlichen Neudefinition die Kinder des 21. Jahrhunderts als Ziel und Ausgangspunkt in ihren Diskurs integrieren müssen um so Schnittmengen und blinde Flecken zu identifizieren. Von dort aus wird sich dann eine neue Wahrnehmung ergeben, eine neue Darstellung von neuen Inhalten ermöglicht.

~ von evolusin - 2009.Oktober 26.

3 Antworten to “Impuls: Kindheit im 21. Jahrhundert? Mediologie & Kunstpädagogik”

  1. Kindheit im 21. Jhd. auf Medienkindheit zu reduzieren halte ich für kritisch. Die Erziehungswissenschaft redet von Heterogenität, insoferm von Kindheit im 21. Jhd. geredet wird, die Soziologie geht davon aus, dass ein einheitliches Bild einer Kindheit im 21. Jhd. nicht mehr gezeichnet werden kann und/oder würde jene Medienkindheit wohl einem konsum-materialistischem Milieu zuorden. Dass Kinder sich medialisieren ist im Endeffekt eine These, die mehr über Erwachsene aussagt, als über Kinder: Erwachsene scheinen Angst zu haben, Kompetenzeinbußen vor Kindern im Bereich Medienkompetenz hinzunehmen und konstruieren daher eine medialisierte Kindheit, ignorieren dabei eine stark individualisierte und somit vielfältige Kindheit, die differemziert betrachtet werden muss. Die Kunst kann in dem Sinne wirken, dass sie versucht, die Komplexität der Kindheit im 21. Jhd. zu vergegenwärtigen.

    Udo Lihs
    Fotoprojekt http://www.kujibb.net

    Udo Lihs

  2. Vorneweg: Der Beitrag ist ein Impulsreferat von mir in einem Kunstpädagogik Seminar, für das ich fünf Minuten Zeitvorgabe hatte.

    In Bezug auf die Heterogenität von Kindern und Jugendlichen stimme ich Dir auf jeden Fall zu. Der Aspekt der „Medienkindheit“ ist halt nur ein Aspekt und nicht „das ganze Kind“. Möglicherweise hast Du in Deiner Projektarbeit zu diesem Thema andere Erfahrungen gemacht, doch „gefährliches Buch(halb)Wissen“😉 sieht da kaum Milieuunterschiede in der Computerisierung der Kinder. Lediglich die Art der Nutzung bzw. der Ausdruck, der durch dieses Medium variiert natürlich. Und genau da kommt Deine Frage nach Sozialisation und Erziehung zum tragen. Der Computer ist das Medium zwischen Kind, Sozialer Umwelt, und den Inhalten, die für das Kind Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang. Insofern gebe ich Dir auch Recht, dass die Kunstpädagogik diese Komplexität berücksichtigen sollte. Aaaaaber genau hier liegt doch auch das Potential der Medien des 21. Jahrhunderts. Hier besteht doch eine völlig neue Dimension der Intermedialität. Nicht nur, dass es die Möglichkeit gibt, Milieu unabhängig, einen wie auch immer gearteten Ausdruck der eigenen, subjektiv erlebten Kindheit zu gestalten, es eröffnet sich durch das Medium Computer/Internet auch die Chance, die Vielschichtigkeit innerhalb einer Person auf die äußere Haut der Darstellung zu transportieren.

    Natürlich hast Du auch Recht, dass Erwachsene Angst vor der Abgeschlagenheit in der Medienkompetenz haben. Die Kinder interessieren sich nur nicht dafür. Es ist schlicht Teil ihrer Lebensrealität und nicht eine Oppositionshaltung. (siehe Prensky)

    Für Kunstpädagogen auch lesenswert:
    http://mms.uni-hamburg.de/blogs/meyer/blog/2009/10/29/bundeskongress-kunstpadagogik-2009-hallo-welt/

  3. […] arbeite ich gegenwärtig nicht als Kunstpädagoge, gleichwohl ich einzelne Gedanken dazu hier bereits skizziert habe, doch für die Kunst, explizit auch für die Filmkunst, geht es für mich […]

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