Uni-Hamburg vs. Uni-Gießen – Hochschulrat vs. erweiterter Senat

Die Uni-Gießen hat einen neuen Präsidenten. Prof. Dr. Joybrato Mukherjee ist mit 35 Jahren recht jung für ein solches Amt. Sein wissenschaftlicher Hintergrund befindet sich in Anglistik, Biologie und Erziehungswissenschaft (!).

Austausch mit und Nähe zu Studierenden scheinen ihm wichtig zu sein. So „Er verspricht ein Büro der offenen Tür […] “ und „kündigt an, auch als Präsident zu forschen und zu lehren.“ (Quelle) Dies sehe er zentral für sein Amtsverständnis.

Im Interview mit SPON hält er zwar Managementqualitäten für wichtig, aber, so Mukherjee „die Universität ist ein eigenes Soziotop und man kann sie nicht wie ein Unternehmen führen.“ Deshalb meint er auch, dass man eine Universität nicht top-down, sondern gemeinsam entwickeln müsse.

Angesprochen auf den jüngst auch in Gießen praktizierten Bildungsstreik räumt er ein: „Da haben wir es an einigen Stellen mit der Regulierung übertrieben. Die Prüfungslast für die Studenten ist viel zu hoch. Wir haben viel zu wenig Freiheit im Bachelorstudium vorgesehen. Diese Freiheit wollen wir aber wieder schaffen.“ Schaffen möchte er dies gemeinsam mit Fachschaften und Fachbereichen.

Auch zum Thema Studiengebühren hat er eine Position, die aus hamburger Sicht schier unglaublich scheint.

Ich denke, in unserem Land sollte ein Hochschulstudium entgeltfrei sein. Weil Bildung unser wichtigster Rohstoff ist, müssen wir ein Studium ohne Gebühren anbieten und über Steuern finanzieren. Übrigens auch, weil ich glaube, dass Studiengebühren, wenn auch ungewollt, zu einer sozialen Auslese führen.

Als Sohn indischer Einwanderer weiß er wahrscheinlich, was Dr. Heike Solga, Forschungsdirektorin am Wissenschaftszentrum Berlin, meinte, als sie bei den jährlichen Reckahner Bildungsgesprächen darauf verwies, dass im „deutschen Bildungssystem wie in kaum einem anderen entwickelten Land der Welt die soziale Herkunft darüber entscheide, welche Bildungschancen Kinder in der Schule und in ihrem weiteren Lebensverlauf haben.“ (Quelle)

Als Student der Uni-Hamburg, die bis vor kurzem noch von der untragbaren (und deshalb auch abgesetzten) Auweter-Kurtz geleitet wurde, muss ich einen gewissen Neid einräumen. Wie aber kommt man nun zu so einem Präsidenten? Warum hatten wir nicht diese Option?

Während an der Uni-Gießen der Präsident vom erweiterten akademischen Senat besetzt, der sich aus Mitgliedern der Uni-Gießen rekrutiert wird, und der Hochschulrat lediglich beratende Funktion hat, ist die Sachlage in Hamburg umgekehrt. An der Uni-Hamburg wird die Präsidentschaft vom wirtschaftsaffinen Hochschulrat bestimmt. Eines der führenden Argumente in einer Presseerklärung des Fachschaftsrats Erziehungswissenschaft, in der die Abschaffung des Hochschulrates gefordert wird. Das Ausscheiden Auweter-Kurtz kann nur dann ein Neuanfang für die Uni-Hamburg sein, „wenn man einen unbeliebten Tyrannen [nicht] durch einen sympathischeren Diktator“ ersetzt. (Quelle) In dem grad zitiertem Artikel auf heise.de werden die Hochschulräte dann auch als Wissenschaft blockierende Kuckuckseier in der deutschen Hochschullandschaft bezeichnet.

Nimmt das Singvogelpaar aber das Ei an, hat der eigene Nachwuchs keine Chance mehr. Sofort nach dem Schlüpfen des Jungkuckucks entfernt dieser die anderen Jungen oder aber die Eier. So schaltet der junge Kuckuck massiv Nahrungskonkurrenten aus.„(Quelle)

Was in Hamburg verloren geht sind weniger Singvögel, sondern:

Was auf der Strecke bleibt, sind die konkreten Wissenschaften mit ihren legitimen Eigeninteressen.Was darüber hinaus vernichtet wird, ist die Universität als Ort der gesellschaftlichen Reflexion und Kritik, die frei wäre in diesem Sinne, nämlich autonom im Sinne des Grundgesetzes. Die Reformhochschule von heute ist eine sinnfreie, gesellschaftlicher Aufgaben entbundene Uni-AG.“ (heise.de)

Hamburgs Hochschulkuckucks sind seit 2003 aktiv, nachdem der damalige Wissenschaftssenator Jörg Dräger sie, im Rahmen des damaligen Hochschulmodernisierungsgesetzes, das erste mal Schlüpfen ließ. Anschließend wechselte Dräger in die Geschäftsführung des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), die `Wissenschaftsabteilung´der Bertelsmann-Stiftung. [Die Bertelsmann-Stiftung und ihre Bedeutung in der bundesweiten Hochschullandschaft werde ich mal in einem seperaten Artikel beschreiben.]

Vor diesem Hintergrund begrüße ich jedenfalls die Vorderung des FSR-Erziehungswissenschaft der Uni-Hamburg, das Kuckucksei aus dem Nest zu stoßen, das bestehende Hochschulgesetz zu evaluieren und einer „kritischen Revision“  zu unterziehen. Das die Konsequenz dann sein müsste, „den Hochschulrat aufzulösen und die Entscheidungen über die Hochschule ihren Mitgliedern und den demokratisch gewählten Gremien zu übertragen“ (Quelle) bleibt wünschenswert.

~ von evolusin - 2009.Juli 12.

Eine Antwort to “Uni-Hamburg vs. Uni-Gießen – Hochschulrat vs. erweiterter Senat”

  1. […] Lehrer von morgen nach zwölfjährigem Turboabi in das Lehramtsstudium eintreten und dort mit einem wirtschaftlich orientierten Top-Down-Prinzip anstelle von demokratischer Mitbestimmung konfrontiert werden. Nach fünf Jahren Regelstudienzeit […]

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