Kultur – Stagnation mit Vollgas

Spannend; während die UNESCO findet,

„dass  Kultur als Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften angesehen werden sollte, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen, und dass sie über Kunst und Literatur hinaus auch Lebensformen, Formen des Zusammenlebens, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen umfasst“ (Quelle)

und der emeritierte Professor der Maastrichter Universität, Geert Hofstede, in seinem Werk „Kulturen und Organisationen“ (1991) mit dem technischen Hintergrund der postmodernen Kultur als „die Software des Geistes“ definiert, hat der Vorsitzende des Deutschen Kulturrates, Prof. Dr. Max Fuchs, vor allem ökonomische Überlegungen bei der Kultur im Sinn. In der Digitalisierung [von was sagt er nicht, aber ich nehme an er meint Kultur] sieht er eine „große gesellschaftliche und kulturpolitische Herausforderung.“ (Quelle) Nach offensichtlicher Lektüre Lyotards kommt er zu dem Schluss, dass Kunst und Kultur sich ebenso verändern wie ihre Verbreitung und Aneignung.

So weit so gut möchte man denken; ein Mann in einem solchen Amte hat den Trend der Zeit erkannt. Auch die UNESCO müsste applaudieren. Schließlich verweist sie in ihrer „Charta zur Bewahrung des digitalen Kulturerbes“ aus dem Jahr 2003 darauf hin, „dass der Zugang zu diesem [digitalem] Erbe erweiterte Möglichkeiten für Entstehung, Kommunikation und Verbreitung von Wissen unter den Völkern bietet.

Doch weit gefehlt; Dr. Fuchs setzt andere Prioritäten:

„Damit bei diesem Umbruch [die Digitalisierung halt; Anm. ich] Kunst und Kultur nicht ökonomisch auf der Strecke bleiben, ist es wichtig, das Urheberrecht weiter zu entwickeln und nicht locker zu lassen, in dem Anliegen, dass die Nutzung künstlerischer Leistungen vergütet werden muss.“

Aha, also doch keine Verbreitung von Wissen unter den Völkern?! Ich meine, es könnte ja sein, dass ein Volk oder gar ein deutscher Staatsbürger grade nicht liquide genug ist um an Kultur zu partizipieren. Man stelle sich einmal vor, dass ein Student, der Lehramt für die gymnasiale Oberstufe mit Unterrichtsfach Kunst studiert, sein Geld lieber für Studiengebühren statt für Museumsbesuche ausgiebt. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder Sozialpädagoge für seine Jugendprojekte in prekarisierten Stadtteilen einfach eine Oper nähme und sie bearbeitet, um sie dann auch noch mit den als bildungsfern bis bildungsunwillig verunglimpften Teenagern aufzuführen.

Glücklicherweise muss Dr. Fuchs [je öfter ich ihn tippe, desto mehr Freude hab ich an dem Namen ;)] nicht alleine gegen die Windmühlen der Kulturräuber ins Feld ziehen. Vielmehr freut er sich über geistige Brüderschaft mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der das freudige Lob auch gleich erwidert und ergänzt:

„Kulturpolitisch ist die Gefährdung der Rechtsposition der Künstler hinsichtlich ihres geistigen Eigentums in der digitalen Welt das derzeit schwerwiegendste Thema.“ (Quelle ist immer noch die gleiche)

So, so – „das derzeit schwerwiegendste Thema“!

Angesichts dessen, dass Neumanns Partei den Begriff der „deutschen Leitkultur“ immer wieder gerne mit Leben füllt, geht es wohl weniger um Kommunikation zwischen den Völkern, als vielmehr Kommunikation zum Volk. Und warum überhaupt Kommunikation? Nachdem Neumanns Parteigenossen Zensursula und Gutenberg [mit Segen der SPD!] das Gesetz zu Web-Sperren durchsetzten [heute ging es auch durch den Bundesrat und ist damit verabschiedet] oder das „Gesetz zur Stärkung der Sicherheit in der Informationstechnik des Bundes“ [ging heute ebenfalls durch den Bundesrat] auf die BRD losließen, kommunizieren wir bald besser gar nicht mehr.

„Die auf das Sprechen [bzw. Kommunikation; Anm. ich] ausgeübte Zensur – das heißt die Verdunkelung der Wahrheit, die Lüge durch Auslassung – stellt auf diese Weise den folgenschwersten erzieherischen Irrtum dar: sie ruft die Bildung neurotischer Symptome hervor, durch welche die verdrängte Wahrheit wiederkehrt, sie gefährdet darüber hinaus die Unabhängigkeit des Denkens, das heißt die Ausübung der intellektuellen Funktion selbst“. (Millot, Catherine. 1987;  „Freud – Antipädagoge“)

Wer an einer Wahrung der Volksgesundheit interessiert ist, sollte sich mal mit diesem Alternativvorschlag beschäftigen.

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~ von evolusin - 2009.Juli 10.

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