Participation & Recreation

Wie ich hier schrieb, fand ich es schon recht ärgerlich, dass einzelne Videosequenzen Zwecks Zitation oder Inbeziehungsetzung nicht verwendet werden können. Im folgenden ist ein Video von Larry Lessig zu sehen. Er ist Mitbegründer von  Creative Commons. Ich halte dieses Video für äußerst sehenswert, da es fundamentale Probleme unserer Gegenwart thematisiert. Selber schauen ist super; ansonsten im Anschluss eine kleine Inhaltsangabe und Kommentierung [Kommentierung jeweils in eckigen Klammern].

Zu Beginn werden drei historische Beispiele angeführt, die verdeutlichen, dass technische Entwicklung, oft als Bedrohung empfunden, im wesentlichen Fortschritt war und ist.

Das erste Beispiel erzählt von John Philip Sousa, der (siehe Zitat) wohl auch von der Evolution nicht begeistert war: „The vocal chords will be eliminated by a process of evolution, as was the tail of man when he came from the ape.“

Bei soviel Rückschritt möchte der Quastenflosser am liebsten zurück in Wasser springen; dann gibt es auch keinen Sousa!

Die Furcht Sousas wurde ausgelöst von den Talking Machines, besser bekannt als Grammophon. Er fürchtete, dass die Menschen nicht mehr zusammenkommen, um „die Lieder des Tages und die alten Lieder zu singen.“

Lessig stimmt inhaltlich mit Sousa überein. Die Gefahr unserer Gesellschaft ist bzw. war, dass wir von einer „read-write culture“ zu einer „read-only-culture“ wurden. Dies bedeutet Stillstand, der letztendlich Rückschritt ist.

[Dies ist auch eine meiner Kernkritiken an der aktuellen Lehrerbildung an der Uni-Hamburg. Wenn vorgeschrieben wird wann was studiert werden soll und kein Raum für ergebnisoffenes Studieren bleibt, dann können keine neuen Ideen entstehen, keine neuen Erkenntnisse zustande kommen und kein Fortschritt stattfinden. Wenn wir ausschließlich reproduzieren, dann werden wir in ein bis zwei Generationen lediglich über das Wissen von vor ein bis zwei Generationen verfügen. Zugegeben, ich dramatisiere etwas. Ich denke der Punkt ist trotzdem klar geworden.]

Aber nicht nur die Gesellschaftslenker sind zu kritisieren. Auch die Nutzer, die breite Massen, die Konsumenten haben wesentlichen anteil daran. Das Problem ist, „creativity is consumed and the consumer [is] not a creator“! Dies führt zu a culture wich is top-down and the vocal chords of the millions have been lost.“

[Nun, glücklicherweise gibt es ja mittlerweile (die Möglichkeit zu) Grassrootsbewegungen, doch viel zu häufig gilt nicht nur im Bildungswesen, der Politik und der Wirtschaft die Fremdbestimmung durch Top-Down-Strukturen. Kulturell sind Produktionen wie Deutschland sucht den Superstar, mit dem ganzen Rattenschwanz an vermeintlichen kulturellen Ereignissen, als solche zu verstehen. Teilhabe und Neugestaltung müssen wieder einen größeren Anteil im Umgang mit Kreativität bekommen.]

Lessigs zweites Beispiel beginnt mit Lord Blackstone, Mitbegründer des Common-Law. Dies bedeutet, das Rechtsprechung sich auf einzelne Rechtsprechungen bezieht. Zu Zeiten Blackstone gehörte einem der Grund und Boden bis zum Erdkern nach unten und bis zur Atmosphäre, nach oben. Überqueren ohne Einwilligung des Eigners war rechtswidrig. Mit Erfindung der Flugzeuge wurde dieses Gesetz absurd. 1945 klagten Hühnerzüchter vor dem amerikanischen Supreme Court, da ihre Tiere den Flugzeugen folgen wollten und immer gegen die Wand flogen. Ihre Klage wurde abgewiesen und es herrschte Einstimmigkeit (common sense), dass nicht jeder Flug unendlich viele Rechtstreitigkeiten nach sich ziehen dürfte.

[Der Vorteil des technischen Fortschritts wurde also als so hoch eingeschätzt, dass ein altes Gesetz, eine bisherige gesellschaftliche Verfahrensweise, als nicht mehr dem Wohl der Allgemeinheit entsprechend, verworfen wurde.]

Lessigs drittes Beispiel handelt vom Radio, einem wahren Albtraum für Urheberrechtsvertreter, da Inhalt quasi unkontrolliert verbreitet werden konnte.Die ASCAP (entspricht userer GEMA) erhöhte ihre Gebühren zwischen 1931 und 1938 um 448%. Da dies (zurecht) als Ausbeutung der Radiostationen empfunden wurde, gründete sich1939 BMI, die Broadcast Music Inc. Da ASCAP die Rechte an allen #1 Musikern hielt, wähnten sie sich sicher und verwiesen darauf, dass die Zuhörer denvon BMI vertretenen Inhalt nicht haben wollen würden, da es nur zweite Wahl sei. Sie irrten! Unter der „zweiten Wahl“ reichten Wettbewerb und das Konzept „for the love and not of the money“ aus, um innerhalb eines Jahres die Abwanderung der Musiker von ASCAP zu BMI auszulösen.

[Wer sich durch künstlerische Photoportale, MySpace, YouTube und Co. klickt, wer auf Bandwettbewerbe geht oder Kunstaustellungen in Bürgerhäusern besucht eiß, dass jenseits des aufoktruierten Mainstreams eine unbegrenzte Fülle qualitativ hochwertigen Kreationen besteht.]

Mit grade beschriebenen Portalen kommt Lessig auch zu dem, was sich in Englisch „user generated content“ nennt. Ein Revival von Sousas „vocal chords“ mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Ein Revival also der „read-write-culture“, welches sich oft auch mit dem Begriff „Remix“ belegen lässt. Um diesen Punkt zu unterstreichen spielt Lessig drei Videos von YouTube ein.

1. [Das erste konnte ich leider nicht finden; es verbindet den Song „Manha Manha“ mit einem Zusammenschnitt einer Animeserie]

2. Jesus survived

3. Read My Lips

Es wird von Lessig betont, dass es sich hierbei nicht um „piracy“ handelt, also die unrechtmässige Weitergabe von urheberrechtlich geschützten Inhalt, sondern um „(re)creating“. Da mittlerweile mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand es jedem möglich ist, solche Filme zu erstellen [selbiges gilt für Musik oder Bilder] spricht Lessig von einer Demokratisierung der Technik; einer Demokratisierung durch Technik. Diese Form von Videos, die Remix-Kultur sind die Sprache der Jugend des 21. Jahrhundert [um nicht digital natives zu sagen ;)]. Es ist Ausdruck davon, wie die Jugend denkt, es ist Ausdruck davon, was sie sind.

Vor diesem Hintergrund warnt Lessig mit Verweis auf die Rechtsprechung bzgl. der Überflugrechte von Privatgrund: „every use of culture produces a copy so that you are a trespasser.“ Die sich hieraus ergebende Entwicklung ist für Lessig [und mich] jedoch besorgniserregend. [In meinem persönlichen Beispiel mit den Simpsons ging es zum Beispiel nicht um die kommerzielle Nutzung von Eigentum des Fox-Networks, sondern um eine zeitgemäße Illustration eines Argumentes in einem (semi)wissenschaftlichen Artikel.]

Auf beiden Seiten, der älteren Generation, den Besitzstandwahrern, und bei der jüngeren Generation, den Remixern, wächst der Extremismus. Auf der einen Seite gibt es Bestrebungen, jeglichen Inhalt von YouTube und Co. zu löschen, der in irgendeiner Form urheberrechtlich geschützten Inhalt zeigt. Auf der anderen Seite die jüngere Generation, die sich nicht den digitalen Mund verbieten lässt. [Jeder, der schon mal in der Pubertät war und/oder pubertierende versucht zu erziehen, weiß dass dies ein aussichtsloses Unterfangen ist, da Erziehung Interaktion ist und nicht als Repression funktioniert.]

Dabei hatte das Beispiel von BMI gezeigt, dass allein der Wettbewerb ausreicht um eine Balance zwischen beiden Interessengruppen zu erzielen. Schließlich war jede ältere Generation selber einmal eine jüngere Generation:

„We made mixtapes they – they mix music. We watch tv – the make tv!“

Wenn wir sehen, was mit der aktuellen Technologie möglich ist, so müssen wir nach Lessig uns eingestehen, dass wir die Ausdrucksformen der Nachkommen nicht verhindern können [und sollten], sondern nur kriminalisieren können.

Die Entwicklung kann nicht gestoppt werden, sie kann nur in den Untergrund gedrängt werden.

„We can´t make them passive again – we just can make the, pirates!“

~ von evolusin - 2009.Juni 25.

11 Antworten to “Participation & Recreation”

  1. […] sich für das Thema, Inhalte in das Netz zu stellen, interessiert, findet hier einen Vortrag von Creative Commons Gründer Larry […]

  2. Sollte es jetzt der GEMA wie ASCAP gehen?
    http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,633430,00.html#ref=rss

  3. […] an einer Wahrung der Volksgesundheit interessiert ist, sollte sich mal mit diesem Alternativvorschlag […]

  4. […] wohl nicht legal sei, aber darüber denke sie nicht weiter nach. Und plötzlich muss ich wieder an die Worte von Larry Lessig denken. „We can´t make them passive again – we just can make the, […]

  5. […] hingegen eher selten. Neben der Aufklärung über geltendes Urheberrecht sollte aber auch die Vorstellung von Creative Commons stehen, im Umgang mit Datenschutz müsse für die Trennlinie zwischen Privat und Öffentlichkeit […]

  6. […] is About Time: Getting Our Values Around Copyright Wie auch hier, so handelt es sich auch im Folgenden um ein Video einer Präsentation von Larry Lessig, seines […]

  7. […] ist an der Zeit unsere Einstellung zum Urheberrecht anzupassen! Wie auch hier, so handelt es sich auch im Folgenden um ein Video einer Präsentation von Larry Lessig, seines […]

  8. […] Creative Commons bin ich hier in verschiedenen Artikeln bereits eingegangen. Ärgerlich ist dabei oft, dass, wenn […]

  9. […] Dies bringt uns zu den Effekten, die das 21. Jahrhundert bereithält. Die nachträgliche Bild- und Videobearbeitung, die Möglichkeit das Material zu modifizieren; und zwar jenseits optisch naheliegender Anschlussmöglichkeiten und [der digitalen Kopie sei Dank] ohne die Gefahr im Falle eines Misslingens oder -fallens das Risiko des Materialverlustes zu haben. Anders ausgedrückt, was nicht passt wird passend gemacht. So konnten wir die Aufnahmen von unterschiedlichen Drehorten, die mitunter in Licht und Farbe stark divergierten, durch hinzufügen eines Effektes in eine einheitliche Ästhetik bringen. Darüber hinaus lässt sich in einem größeren Kontext läßt sich sagen, dass Digitale Technik es ermöglicht Datenmashups mit wenigen Klicks zu etwas Neuem und eigenem umzuwandeln. Dabei denke ich ausdrücklich auch an die Verwendung von nicht selbst produziertem Material, weshalb ich darauf drang unseren Film unter Creative Commons Lizenz zu stellen. [Ausführlich zum Gedanken des (re)creating: hier] […]

  10. […] bzw. dem wesensgleichen Audio-ID ein Urheberrecht von vor zwei Jahrhunderten zuarbeitet, anstatt Creative Commons zu pushen und damit Gegenwarts-/Zukunftsarbeit für das Internet und Nutzerinteressen zu machen. […]

  11. […] Lawrence Lessig und seine Idee des Creative Commons habe ich mich hier und dort bereits geäußert. In diesem Artikel ist der Mitschnitt eines Vortrags vor der Open Video […]

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