Digitale Evolution – Das Mängelwesen Mensch im Netz

Der folgende Text ist unter obiger Artikelüberschrift als Readerbeitrag für eine fiktive Forscherkonferenz konzipiert. Lediglich die Links sind, sozusagen exklusiv, für den Blog hinzugefügt worden.

Das 1940 erschienene BuchDer Mensch: seine Natur und seine Stellung in der Welt“ des philosophische Anthropologen Arnold Gehlen etabliert endgültig den Begriff vom  Menschen als Mängelwesen. Ihren Ursprung hatte diese Zuschreibung allerdings bereits am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei dem Schriftsteller und Kulturphilosophen Johann Gottfried Herder. Während sich Tiere und Pflanzen durch Evolution ihrer Umwelt anpassten und spezialisierten, befindet sich der Mensch von jeher im Spannungsfeld von Instinktreduktion und Weltoffenheit. Mit aufrechtem Gang, Daumen, Lernfähigkeit und Intelligenz tritt der Mensch seinen Weg zur dominierenden Spezies an. Da er in der biologischen Evolution aber stagniert, bildet der Mensch statt dessen seine Umwelt entsprechend seinen Bedürfnissen um.

Um diese Umbildung zu vollziehen reichte jedoch nie ein einzelner Mensch. Familienverbände, Clans, Dörfer, Städte und Staaten – der Mensch war und ist ein soziales Wesen. Er bedarf für das Überleben der Gruppe. In Emile oder über die Erziehung erklärt Jean-Jacques Rousseau  seinem Educandus am Beispiel des Handwerks, wie vielschichtig und vernetzt Menschen zusammenarbeiten. Die dort exemplarisch beschriebenen Produktionsprozesse verweisen auf die Idee der Memetik , die von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins 1976 entwickelt wurde. Als kulturelles Gegenstück zu Charles Darwins Evolution und Johann Gregor Mendels Genetik, handelt die Memetik von Memen, den kleinsten Ideeeinheiten, aus denen unser Bewusstsein aufgebaut ist und die von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden können.

Eben jene Weitergabe von Ideen, die Kommunikation zwischen Menschen ist es, die das Wesen der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts am stärksten prägt. Während sich Jean-Francois Lyotard sich 1979 in „Das postmoderne Wissen – ein Bericht“ noch gedanklich mit der Distribution von Wissen auseinander setzte, stellt  Mark Weiser nur zwölf Jahre später in seinem Aufsatz „The Computer fort he 21st Century“ fest, dass das Wissen nicht nur bereits angekommen ist, sondern das es auch allgegenwärtig ist. Beide dürften nicht unwesentlich für Regis Debrays Forderung nach einer Wissenschaft der Mediologie gewesen sein. Eine Wissenschaft, die sich mit der Mediation, der Vermittlung beschäftigt.

Das Wissen wird in Gesellschaften in tradierter Form meist durch Lehrpersonen  vermittelt. Eltern, Dorfälteste, Erzieher, Lehrer – alle diese Lehrpersonen wurden bisher meist als eine Art Träger von Wissen verstanden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint es  angesichts des Umfangs und der Allgegenwart von Information allerdings illusorisch, dass einzelne Menschen solch einer tragenden Rolle noch gerecht werden können. Unser Latein ist also am Ende, das Mängelwesen Mensch muss seine Umwelt wieder neu gestalten, neue Gruppen müssen sich organisieren und zu dem Zweck der wiederholten Umweltmodifikation benötigen die Menschen entsprechende Handwerke und Werkzeuge. Alternative Formen der Vermittlung müssen gefunden werden.

Wie organisieren Menschen sich und ihr Wissen in einer digitalen Gemeinschaft? Welche Handwerke und Werkzeuge dienen der Bearbeitung von Bits und Bytes? Dem hier skizziertem Gedankengang folgend werde ich versuchen zu vermitteln, dass wir bereits ein Latein 2.0 besitzen und darstellen, wie ein entsprechender Sprachunterricht aussehen könnte.

Wer bereits etwas durch diesen Blog gestöbert hat, oder, ausgehend von diesem Artikel, dies noch beabsichtigt, wird feststellen, dass dieses „Latein 2.0“ gerade das Thema des gesamten Blogs ist.

~ von evolusin - 2009.Juni 14.

3 Antworten to “Digitale Evolution – Das Mängelwesen Mensch im Netz”

  1. […] erste Beispiel erzählt von John Philip Sousa, der (siehe Zitat) wohl auch von der Evolution nicht begeistert war: “The vocal chords will be eliminated by a process of evolution, as was […]

  2. […] uns allen die gleiche Ausgangsposition zu geben beginne ich deshalb mit der digitalen Version des Readerbeitrags, der Ihnen bereits in Papierform […]

  3. […] zu einem Youtube-Video besteht. Insgesamt bestehe die Notwendigkeit zu einer neuen Didaktik, zu einem neuen Lehrverständnis. Die Frage könne nicht mehr sein “Wann war der 30 jährige Krieg“, sonder vielmehr […]

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