Transmission + Kommunkation

Auf Bourdieus Theorie der Übertragbarkeit von erworbenem Kapital bin ich hier schon an anderer Stelle eingegangen. Vor dem Hintergrund der Übertragung von einer Generation zur nächsten, ist der Zeitfaktor nicht nur bezüglich des Kapitalerwerbs, sondern auch im Hinblick auf die Weitergabe relevant.

Während die (vermeintlich) ersten Höhlenmalereien uns immer noch zugänglich sind, wir in Jahrtausende alten Pyramiden Hieroglyphen finden und in den Bibliotheken Jahrhunderte alte Bücher studieren können, kranken digitale Träger von Information an ihrer Halbwertzeit. Damit verbunden ist aber auch das Problem, Wissen über die Zeit zu retten. Klar, jede Epoche hat ihren eigenen Wissenspool:

Steinzeit: Wild töten = wichtig, weil überleben; am besten irgendwo notieren, wo man es nicht vergisst und auch die lieben kleinen es finden; aber wo? Höhlenwand! Klasse Idee, reicht völlig aus und widersteht dem bildungskritischstem Mammut.

1808: „Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;“ (Johan Wolfgang von Goethe, Faust I)

Ja, dass war zu Zeiten Fausts tatsächlich möglich. Es gab schlicht und ergreifend nicht mehr wissenschaftliche Disziplinen. Der Umfang der jeweiligen Disziplin ist mit dem heutigen Umfang der selben Disziplin ebenfalls nicht zu vergleichen z.B. Medizin. Zu viel Information für eine Höhlenwand war es trotzdem. Dafür wusste man längst, dass auch an anderen Stellen der Welt Menschen sind. Raum gewinnt also an Bedeutung und damit muss das Medium ebenfalls mobiler werden. Buch; fantastisch! So ein Buch kann zwar in der einen oder anderen Revolution oder Inquisition verbrannt werden, aber dafür lässt es sich, Gutenberg sei dank, ja öfter kopieren. Also ein größerer, aber limitierter Nutzerkreis, der statt weniger essenzieller Informationen viele Informationen zur Auswahl hat.

2009: Es ist unmöglich auch nur einen Maßstab zu benennen, der in der Lage ist den Umfang der heutigen Informationen zu beschreiben. Da hilft die größte Höhlenwand nichts und auch der Buchdruck kommt da an Seine Grenzen. Was machen wir? Wir nutzen das web 2.0, wir schreiben in Wikis, wir bloggen und wir twittern! Raum ist bedeutungslos geworden, die Nachhaltigkeit der Nachricht dürfte dafür ebenfalls gen Null streben. Wir haben also eine (theoretisch) unbegrenzte Anzahl von Personen mit mehr oder minder uneingeschränktem Zugang zu sämtlichen Wissen, gleich wie unnütz oder elementar es ist. Dafür ist die Wissensentwicklung inzwischen aber so schnell, dass wir es nicht für selbstverständlich nehmen dürfen, dass zukünftige Generationen den Status Quo nur erweitern. Ganz im Sinne Bourdieus wird es einen enormen Kapitalverlust geben.

Wir müssen unser Wissen also sowohl durch den Raum, als auch durch die Zeit retten.

transmission_simpleBei dem Begriff der Ubiquität ist interessant, dass er „Allgegenwart“ bedeutet. In der Biologie beschreibt er Lebewesen, die nicht an eine bestimmte ökologische Umgebung gebunden sind. Dies ist auch eine der Kompensationstechniken des biologischen  Mängelwesen Mensch. In der Informatik existiert seit 1991 der Begriff Ubiquitous Computing. Er entstammt dem Aufsatz „The Computer for the 21st Century“ von Mark Weiser. Dort werden praktisch iPhone und Co vorweggenommen. Die damit verbundene alltägliche und eben auch allgegenwärtige Verfügbarkeit von vernetzter Kommunikation bzw. Informationsaustausch gelten als dritte Ära des Computers. Die erste war die Zeit Großrechner, die, kleiderschrankgroß, von mehreren Personen bedient wurden. Die zweite war/ist die Zeit der Personal Computer. Aber zurück zur Ubiquität. Man könnte vor diesen ausführungen auch sagen:

Sowohl der Mensch, als auch die Information sind räumlich flexibel.

Bezüglich des Zeitfaktors ist der Begriff der „Paideia“ interessant. Er verweist einerseits auf Erziehung und andererseits auf Bildung als langfristiges Ergebnis der Erziehung. Seinen Ursprung hat der Begriff in der antiken griechischen Pädagogik. Ein bekannter Vertreter ist Platon, der in seiner Politeia das bekannte Höhlengleichnis schuf. Eine Versuchsperson wird aus dem Dunkel der Höhle an das Licht der Wahrheit geführt. Anschließend soll sie in die Höhle zurückkehren und den anderen Versuchspersonen von der Wahrheit künden. Damit ist ein klassisches Erzieher/Educandus bzw. Wissender/Unwissender Dialog beschrieben. Durch Kommunikation wird wissen weitergegeben. Geschieht dies von generation zu Generation, so wird Wissen durch die Zeit transportiert. So wandert das Wissen durch die Mediosphären. Es wird weitererzählt, aufgeschrieben, verfilmt und geblogt.

An dieser Stelle des Gedankengangs schließt sich auch wieder der Kreis zu Bourdieus Verständnis von Kapital. „Umwandlung und Weitergabe führen immer zu Schwundrisiko und Verschleierungskosten.“ (Bourdieu, P.: Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. In: Dcrs.: Die verborgenen Mechanismen
der Macht. Hamburg 1992.)

~ von evolusin - 2009.Juni 9.

4 Antworten to “Transmission + Kommunkation”

  1. „Raum gewinnt also an Bedeutung und damit muss das Medium ebenfalls mobiler werden. Buch; fantastisch!“

    => Hm. Ich bin mir nicht sicher, ob da nicht eine verdeckte (Mono-) Kausalität à la „die Formen des Wissens veränderten sich und machten neue Medien der Vermittlung bzw. Aufbewahrungsbehälter nötig“. Da gibt es natürlich auch andere Ansätze: „Die neuen Medien der Vermittlung bzw. Aufbewahrungsbehälter ermöglichen bestimmte Formen des Wissens oder der Wahrnehmung überhaupt erst“ (so ähnlich z.B. McLuhan und Kittler mit einem “technisch-medialem Aprori”).

    Haben wir es nicht eher mit einem gegenseitigen Bedingungsverhältnis zu tun? Nur mal so als Anregung…

  2. […] fort he 21st Century“ fest, dass das Wissen nicht nur bereits angekommen ist, sondern das es auch allgegenwärtig ist. Beide dürften nicht unwesentlich für Regis Debrays Forderung nach einer Wissenschaft der […]

  3. […] für die Zukunft präsentieren. Nun, die Evolution des Internets, was soll ich sagen; damit hab ich mich auch schon mal beschäftigt. Wie sich später herausstellte schien sowohl der Abriss der Geschichte, als auch die […]

  4. […] vermeintliche Freiheit auf seine Daten immer und überall zugreifen zu können sieht Dr. Theo Röhle von der Universität Paderborn in seinem Beitrag […]

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