Vom Denken zum Hypertext – Von Rousseau bis Nelson

„An important choice faces us: let the computer perpetuate archaic methods of publishing, or use it to vault our minds into a hyperspace of thought.“

(Theodor Nelson, “ A New Home for the Mind?“ in: Datamation, Nr. 28., 1982)

Mit der Übertragung von Hypertext, einer vernetzten und nicht linearen Anordnung von Informationen, auf das Denken als nichtlinearen Prozess, dürfte Nelson so etwas wie die Grundlage für die  Überlegungen von Mike Wesch geliefert haben.

Unser gesamtes Denken läuft, ähnlich wie die hier gerne verwendeten und propagierten Mind-Maps, vernetzt und assoziativ ab.

(Quelle Bild: gerard79)

Um diese Komplexität zu erreichen müssen wir aber erst einmal das Denken lernen.Wie aber lernen wir?

„Da er [der Educand; Anm. Ich] also gezwungen ist, selbst zu lernen, gebraucht er seinen eigenen Verstand und nicht den anderer.“ (J.J. Rousseau, „Emile oder über die Erziehung„)

Mit anderen Worten: „Selber Denken macht schlau!“

Aber wie will Rousseau diese Art des Denkens Erreichen? Durch Erziehung. Seiner Meinung nach wird der Mensch von Natur, Dingen und Menschen erzogen. „Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und Kräfte; der Mensch lehrt uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte. Die Dinge aber erziehen uns durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen, und durch die Anschauung.“ (Bezüglich des Zusammenhangs von Wahrnehmung, Dingen und Denken verweise ich auf Piagets Arbeiten)Erst nachdem der Schüler das Wesen von etwas studiert hat, soll er sich mit der öffentlichen Meinung dazu beschäftigen sagt Rousseau. Dies sei die Grundlage für eine eigenständige Meinungsbildung.

Am Ende des Erziehungsprozesses sieht Rousseau nur noch die Notwendigkeit „aus ihm [dem Educandus; Anm. Ich]ein liebendes und fühlendes Wesen zu machen, d.h. durch das Gefühl die Vernunft zu vervollkommnen.“ Der Charakter eines Menschen leitet sich nach Rousseau von der Art der Begriffsbildung ab. Er unterscheidet in soliden Geist, der „seine Begriffe nur von realen Beziehungen bildet“, oberflächlichen Geist, der sich mit „scheinbaren Beziehungen begnügt“, scharfen Geist, der „Beziehungen sieht, wie sie wirklich sind“, falschen Geist, der die Beziehungen „falsch einschätzt“, Narren, die Bezüge erfinden, „die weder Wirklichkeit noch Wahrscheinlichkeit haben“ und Dummköpfe, die nicht vergleichen. Die einfachen Begriffe selber aber seien „verglichene Sinneswahrnehmungen“, wobei darauf zu achten sei, dass die Urteile bei Sinneswahrnehmungen, gleich ob einfach oder vergleichend, bereits enthalten und damit passiv seien, während die Urteile in den Begriffen oder Ideen aktiv gebildet würden. Rousseau stützt diese These durch das Beispiel eines halb im Wasser steckenden Stockes, der durch die Wasserspiegelung gebrochen erscheint. Hier sei belegt, dass das passive Urteil der Sinneswahrnehmung, einen gebrochenen Stock zu sehen, wahr sei, die aktive Urteilsbildung, die der Aussage zu Grunde liegt, dass der Stock tatsächlich gebrochen sei, hingegen nicht.

Ein früher Aufruf in der Geschichte zu hinterfragen. Eine Fähigkeit, die in unserer heutigen Gesellschaft bei vielen weitesgehend abhandengekommen zu sein scheint. Ich verweise hier noch mal auf die Internetsperren, Powells Rede vor der Uno oder die Atommüllendlagerproblematik.

Die Urteile, die laut Rousseau notwendig sind um zu lernen, seien ihrerseits die Grundlage von Irrtümern. Da bei den „gelehrten Gesellschaften Europas“ der „Stolz über ihre Urteilskraft […] größere Fortschritte als ihr Verstand“ mache, seien diese der Wahrheit auch nicht näher als indigene Kulturen. „Je mehr die Menschen wissen, um so mehr irren sie.“ Im Umkehrschluss bedeutet diese Erkenntnis für Rousseau, dass Unwissenheit der einzige weg ist um Irrtümer gänzlich auszuschließen.

Da halte ich es doch lieber mit der deulich älteren Devise, „Ich weiß, dass ich nichts weiß!„, riskiere weitere Irrtümer und bleibe neugierig.

Damit unterstreicht er die Unvereinbarkeit zwischen bürgerlicher Ordnung und natürlicher Ursprünglichkeit.

Aus dieser Zweipoligkeit leitet Rousseau zwei entgegengesetzte Erziehungsformen ab. Auf der einen Seite „eine öffentliche und allgemeine und [auf der anderen Seite] eine private und häusliche.“

~ von evolusin - 2009.Juni 6.

2 Antworten to “Vom Denken zum Hypertext – Von Rousseau bis Nelson”

  1. […] zurückkehren und den anderen Versuchspersonen von der Wahrheit künden. Damit ist ein klassisches Erzieher/Educandus bzw. Wissender/Unwissender Dialog beschrieben. Durch Kommunikation wird wissen weitergegeben. […]

  2. […] Darstellung für Text zu finden, oder wie der „digitale Klappentext“ es nennt: „HyperText auf Papier – Wissenschaft an der Grenze zur […]

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