Politeia oder „Weißt Du was Du weißt?“

Der Philosoph Friedrich Nietzsche sagte einst: „Echte Wahrheit erleben wir durch die Sinne!“

Mit dieser Aussage wird der Begriff der Wahrheit in ein Verhältnis zur Wahrnehmung gesetzt. Wahr ist, was wir wahr nehmen; was wir wahr nehmen wollen, können oder müssen. Ein antikes Beispiel hierfür ist das so genannte platonische  Höhlengleichnis, in dem die Versuchspersonen die Schatten von Objekten für die Objekte halten. Mit anderen Worten, in ihrer Wahrnehmung ist der Schatten einer Vase eine Vase und nicht die Vase selbst.

Der deutsche Philosophiehistoriker Kurt Flasch schreibt in einer seiner Betrachtungen zu Meister Eckhart: „Je mehr Du ein Bild als Seiendes auffaßt, um so mehr führt es Dich ab von der Erkenntnis des Abgebildeten. Das Bild als Bild verstehen heißt, es als Nicht-Seiendes denken.“

Diese Aussage beschreibt den Zustand von Platons Versuchspersonen recht gut. Wichtiger ist jedoch, dass er von der Auffassung eines Bildes spricht. Erst die Auffassung, das Anfassen – also das Begreifen – eines Bildes, kann dieses als ein solches entlarven. Der springende Punkt ist also, dass wir zur Wahrheitsfindung verschiedene Sinne kombinieren müssen. Tun wir dies, so erhalten wir zumindest unsere Wahrheit. Der Abgleich mit weiteren Wahrheiten stellt, meiner Meinung nach, den konsequenten Folgeschritt dar. Andernfalls ergeht es uns wie den Blinden mit dem Elephanten im Gedicht von John Godfrey Saxe

elephant

Vor dem Hintergrund des bisherigen Gedankenganges empfiehlt es sich mit dem Schaffen des schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget zu beschäftigen. Seine Erkentnisse zur Kognitionsentwicklung und damit auch zur persönlichen Wahrheitsfindung, finden noch heute in sämtlichen pädagogischen studiengängen ihen Platz. Verkürzt läßt sich sagen, dass sich unsere Inteligenz über ein Wechselspiel aus Assimilation und Akkomodation entwickel. Wir stecken uns als Säugling alles in den Mund und erkunden unsere Umwelt auf diese Weise. Wir integrieren gefundene Objekte in ein bestehendes Weltbild. Sobald wir aber an ein Objekt geraten, welches in Folge seiner Eigenschaften nicht in den Mund gesteckt werden kann, müssen wir unser Weltbild anpassen; akkomodieren. Um uns zu entwickeln müssen wir also immer wieder „an den grenzen der Realität kratzen“.

Wie sieht es damit aber nun in einer Zeit aus, in der unser Zeigefinger zunehmend am Scrollrad unserer Computermaus kratzt, wo der Wissenserwerb immer weniger durch aktive Auseinandersetzung mit Fauna und Flora geschieht, wo wir das Internet in der Hosentasche mit uns herum tragen und wo der Weg den wir beschreiten per Geotagging dokumentierbar ist?

„Die Mediologie geht davon aus, dass das Denken, die Art und Weise, wie wir wahrnehmen, erkennen, wissen können, epochenspezifisch, also kultur-abhängig ist. Und sie geht weiterhin davon aus, dass Kultur und Technik in einem sehr engen Bedingungsgefüge zueinander stehen.“ (Torsten Meyer)

to be continued …

~ von evolusin - 2009.Mai 23.

3 Antworten to “Politeia oder „Weißt Du was Du weißt?“”

  1. […] aber erziehen uns durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen, und durch die Anschauung.“ (Bezüglich des Zusammenhangs von Wahrnehmung, Dingen und Denken verweise ich auf Piagets Arbeiten)Erst nachdem der Schüler das Wesen von etwas studiert hat, soll er sich mit der öffentlichen […]

  2. […] Begriff in der antiken griechischen Pädagogik. Ein bekannter Vertreter ist Platon, der in seiner Politeia das bekannte Höhlengleichnis schuf. Eine Versuchsperson wird aus dem Dunkel der Höhle an das […]

  3. […] ist. Beide dürften nicht unwesentlich für Regis Debrays Forderung nach einer Wissenschaft der Mediologie gewesen sein. Eine Wissenschaft, die sich mit der Mediation, der Vermittlung […]

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