Der Bologna-Prozess Teil 1

Während des ersten Semesters wurde ich gefragt, ob ich nicht aus der Perspektive eines Studienanfängers über das Studium der Sonderpädagogik an der Uni Hamburg schreiben möchte. Der Artikel war vorgesehen für die regionale Ausgabe der Zeitschrift VdS. So weit ich weiß ist es leider nie zu einer Veröffentlichung gekommen. Details würde ich heute vielleicht anders schreiben, hier steht der Text aber unverändert.

Sonderpädagogik an der Uni-Hamburg – Ein Erstsemestertest

Erstsemesterstudent an der Uni zu sein bedeutet vieles. Zunächst bedeutet es aber Bachelorstudent zu sein. Studiengebühren und Semesterbeiträge, Organisationschaos und Listen, Vorlesungen und Seminare, Mensa und Campus; all das hat oder hatte jeder andere Studierende auch. Bachelor Studenten gibt erst seit kurzem.

Aber warum?

1999 haben neben der BRD 28 weitere Nationen die Bologna-Deklaration verabschiedet um einen gemeinsamen europäischen Hoschulraum bis 2010 zu schaffen. In der BRD war dies ein willkommener Anlass eine längst notwendige Reform der Hochschulen im Land in Angriff zu nehmen. Damit klar ist, wohin man möchte braucht man ein Ziel – oder gleich Mehrere. Aus diesem Grund wurden zu den zunächst sechs Zielen der Bologna-Deklaration, 2001 in Prag drei weitere hinzugefügt und letztendlich  im Berliner-Kommunique 2003 elf Ziele beschlossen.

Deshalb gibt es nun uns Bachelor Studenten!

Die Einführung der Bachelor/Master-Studienstruktur“ ist damit auch der erste Punkt, der abgehakt werden kann. In einer Fachzeitschrift für SonderpädagogInnen dürfte es von Interesse sein, dass die Studienschwerpunkte jetzt erst im Master-Studium kommen.

Ein Beispiel: Statt Geistigbehindertenpädagogik studiert man nun also nur noch Behindertenpädagogik. Dabei soll im Rahmen von so genannten „Crosskategorialen Studienschwerpunkten“ allen Studierenden eine breite Basis vermittelt werden. Grundsätzlich keine Schlechte Idee und sicherlich von Vorteil für Studierende, die wenig Erfahrung haben, nicht wissen welche Richtung sie einschlagen möchten oder wo ihre Interessen liegen. Studierende mit Berufserfahrung oder klaren Zielvorstellungen werden dabei allerdings nicht berücksichtigt. Aber spätestens, wenn man bei der Pflichtvorlesung „Entwicklung von Kommunikation und Sprache und ihre Beeinträchtigungen“ miterlebt, wie die lautierenden Säuglinge aus dem Videobeispiel von Gebärdendollmetschern für die gehörlosen Kommilitonen gebärdet werden, ist man sich sicher, dass dieses Studium nicht zu Ende konzipiert wurde. Aber Moment; diese Sicherheit hatten wir auch vorher schon. Denn wie das Masterstudium aussehen soll weiß zur Zeit noch niemand. Also wieder ein halber Haken Abzug.

Ganz nebenbei bemerkt gibt es viele Pflichtveranstaltungen für Bachelor Studierende. Und zwar in einem Umfang, dass man im Prinzip auch eine Fachhochschule besuchen könnte. Dies ist um so undankbarer für die Lehrenden, die  trotz hoher fachlicher Kompetenz im Auditorium nur zwei von 120 Personen haben, die nicht lediglich körperlich anwesend sind.

Außerdem ist Pflicht in sofern ein variabler Begriff, als dass z.B. die Sonderpädagogen die Pflichtvorlesung „Einführung in die Erziehungswissenschaft“ dieses Semester nicht besuchen können, da zeitgleich eine Pflichtvorlesung der Sonderpädagogik stattfindet.

Das dies nicht besser planbar war erstaunt um so mehr, da beide Veranstaltungen nicht nur der selben Fakultät, sondern sogar dem selben Fachbereich zuzuordnen sind.

Die „Einführung eines Leistungspunktsystems (ECTS)“ ist der zweite (bzw. erste Volle) Punkt der abgehakt werden kann. Wie genau dieses System funktioniert ist allerdings häufig weder Lehrenden noch Studierenden bekannt. So kann es sein, dass eine Pflichtvorlesung durch bloße Anwesenheit und Lektüre des Readers bestanden wird, während in einer Fachausbildung für das Unterrichtsfach Sport neben einem Protokoll, drei Exzerpten und einem Kurzreferat auch noch im Laufe des Semesters noch drei praktische Nachweise und zum Ende eine Hausarbeit fällig werden.

Den Haken für „Förderung der Qualitätssicherung auf institutioneller, nationaler und europäischer Ebene“ verteile ich lieber veranstaltungsbezogen. Sowohl praxisorientierte und zukunftweisende Veranstaltungen, als auch Vorlesungen die im vorliegendem Reader mit dem Finger begleitet werden können und den Begriff Vorlesung wörtlich nehmen, sind Teil meines Studienalltags. Da durch immer massivere Kürzungen (gerade in der Lehrerbildung sind zur Zeit 11 Professuren unbesetzt) kaum noch Prüfungsberechtigte Lehrende vorhanden sind mag man von jemandem, der 100 Hausarbeiten  oder mehr korrigieren muss auch nicht mehr fordern. Aktuell geplante Kürzungen würden in der Lehrerbildung außerdem den Bereich Arbeitslehre abschaffen und den geplanten Bereich Turkistik gar nicht erst entstehen lassen. Ob das dazu führt, dass die Berufsvorbereitung in den Schulen und die Integration von Kindern und Jugendlichen aus türkischstämmigen Familien gelingt mag jeder selber mutmaßen.

Da das Bachelor Studium in Module aufgeteilt ist, die mindestens zwei, manchmal auch drei Semester dauern, kann der Haken für „Förderung der Mobilität“ leider nicht gegeben werden. Wer z.B. als Unterrichtsfach Englisch hat und ein Auslandssemester einschieben möchte, muss notgedrungen gleich ein ganzes Jahr länger studieren. Angesichts von Studiengebühren (plus Semesterbeitrag) stellt das keine leichte Wahl dar. Da außerdem gegenwärtig die Module oft nicht einmal innerhalb eines Bundeslandes von einer Uni zur nächsten mitgenommen werden können, bleibt man vielleicht lieber hier und geht erst während der Wartezeit auf einen Referendariatsplatz ins Ausland. Es bleibt abzuwarten, ob zu einem späteren Zeitpunkt der Haken für „Verbesserung der Anerkennung von Abschlüssen“ vergeben werden kann. Selbiges lässt sich auch zu dem Bereich „Förderung der europäischen Dimension im Hochschulbereich“ sagen. Zwar sind zwei englischsprachige (ergo internationale) Studiengänge eingerichtet worden, leider hat aber noch niemand die Zeit gefunden, die zugehörigen Bewerbungsunterlagen und Verwaltungsformulare aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen. Besser ich lasse mir noch etwas Zeit mit diesem Haken.

Ob die „Definition eines Rahmens vergleichbarer und kompatibler Hochschulabschlüsse auf nationaler und europäischer Ebene (Qualifikationsrahmen)“ gelungen ist, lässt sich schwer beurteilen.  An derartige Informationen heran zu kommen ist nicht leicht. Denn der Haken für „Beteiligung der Studierenden am Bologna-Prozess“ kann definitiv nicht gegeben werden. Zwar wäre es gerechtfertigt hierfür sogar bereits erworbene Haken wieder abzuerkennen, aber ich will ja kein Spielverderber sein.

Fakt ist, dass von studentischer Mitbestimmung nicht im Ansatz die Rede sein kann. Dies führt zu einer unerwarteten Gleichberechtigung zwischen Lehrenden und Studierenden. Erstere werden vom Präsidium inzwischen auch nicht mehr einbezogen. Per Top-Down-Prinzip übergeht das Präsidium auch Fakultätsräte und Dekanate. So wurde dann auch im akademischen Senat eine Lehrende damit abgebügelt, dass die Forderung alle offen stehenden Professuren ihrer Fakultät zu besetzten ja wohl nicht ernst gemeint sein könne.  Andere Fakultäten hätten schließlich auch weniger gefordert. Der Hinweis, dass ihre Fakultät schon der Ansicht sei, dass ohne die Besetzung aller offener Stellen dort eine Grundversorgung der Lehre nicht mehr möglich sei fiel leider nicht weiter ins Gewicht.

So kann ich aber ohne zu zögern den Haken für die „Einbettung [der Uni] in das Konzept des Lebenslangen Lernens“ geben. Gerade als Erstsemester lerne ich jeden Tag etwas Neues. Allerdings findet viel davon jenseits des Lehrbetriebs statt. aber auch in den Hörsälen erfahre ich nach neun Jahren Praxiserfahrung als Heilerzieher noch Interessantes, Neues und Spannendes. Wie oben bereits beschrieben ist es oft veranstaltungsabhängig. Das dürfte jedoch in der Natur der Sache liegen.

Über die „Einbeziehung der Doktorandenausbildung in den Bologna-Prozess“ kann ich beim besten Willen nichts schreiben. Als Erstsemester bin ich wohl weitest möglich entfernt von einer Doktorandenausbildung. Der Haken fällt aus der Wertung raus.

Bleibt noch die „Steigerung der Attraktivität des Europäischen Hochschulraums im globalen Maßstab“ über. Da ich hier nur die Uni-Hamburg und da speziell die Bereiche Erziehungswissenschaft, Behindertenpädagogik und Bewegungswissenschaft im Blick habe, mag ich nur einen halben Haken geben. Ein voller würde der aktuellen Situation nicht Rechnung tragen. Die Stadt Hamburg ist meiner Meinung nach ein Argument hier zu studieren. Die Uni Hamburg nur bedingt.

Fazit

Mit drei von (hier) acht Haken hat die Uni Hamburg im ersten Semester Behindertenpädagogik weniger als die Hälfte der  möglichen Haken geschafft und wäre somit durch die Prüfung gefallen. Da es sich hierbei nur um eine Probeuntersuchung handelt und der relevante Termin erst 2010 ist bleibt also noch viel zu tun. Besonders vor dem Hintergrund der geplanten Kürzungen und dem Umstand, „dass [in Hamburg] die Zahl von 8.750 Studienberechtigten im Jahr 2007 auf 13.970 Studienberechtigte im Jahr 2010 steigt.1 Das ist ein Anstieg von 60 Prozent.“

1 Diese Prognose der Studienberechtigten wurde von der Kultusministerkonferenz errechnet.

(Quelle: http://www.che.de/downloads/Laenderbericht_Hamburg_652.pdf)

Die Hintergründe des Bologna-Prozesses und der Zielkatalog des Berliner Kommuniques sind der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entnommen.

(Quelle: http://www.bmbf.de/de/3336.php#Die_Inhalte)

Und heute? Wie erleben andere den Bologna-Prozess?

Report Mainz sendete am 7.4.09 eine sechsminütige Reportage mit dem Titel “Hölle Hochschule” über die Umsetzung des Bologna-Prozesses an deutschen Hochschulen. Netter Einstieg:

Bulimie-Learning: Lernen nur um riesige Mengen von Lehrstoff in Prüfungssituationen wieder auskotzen zu können. Nachhaltiger Lerneffekt – gleich Null. Wir sind auf dieses Phänomen gestoßen, als wir uns mit dem Bachelor, einer Art Turbo-Uniabschluss, beschäftigt haben.

~ von evolusin - 2009.Mai 11.

2 Antworten to “Der Bologna-Prozess Teil 1”

  1. […] Bologna-Prozess Teil 2 Meine persönliche Sicht des Blognaprozesses habe ich ja bereits in Teil 1 kundgetan. Allerdings stehe ich mit meiner Wahrnehmung und Kritik nicht alleine. Auch die […]

  2. […] Inhalte sind in starren Modulstrukturen und Kerncurricula festgemeißelt. So reproduziert man per Bulimie-Lerning zu den Klausuren, was gefordert wird. Die Konsequenz ist, dass auch in der späteren beruflichen […]

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