Von Sittlichkeit und Moral

Immanuel Kant schrieb 1803 in seinem Aufsatz „Über Pädagogik“:

„Wir leben im Zeitpunkt der Disziplinierung, Kultur und Zivilisierung, aber noch lange nicht in dem Zeitpunkte der Moralisierung. Bei dem jetzigen Zustande der Menschen kann man sagen, dass das Glück der Staaten zugleich mit dem Elende der Menschen wachse. Und es ist noch die Frage, ob wir im rohen Zustande, da alle diese Kultur bei uns nicht Statt fände, nicht glücklicher als in unserm jetzigem Zustande sein würden? Denn wie kann man Menschen glücklich machen, wenn man sie nicht sittlich und weise macht? Die Quantität des Bösen wird dann nicht vermindert […]“

Dies schreibt der fast 80-jährige Kant ein Jahr vor seinem Tod.

Sind wir Dank der von Kant vorangetriebenen Aufklärung sittlicher und weiser geworden? Haben wir die Quantität des Bösen verringert und sind beim „Zeitpunkte der Moralisierung“ angelangt?

Max Frisch kommt 1948, also 145 Jahre und zwei Weltkriege später, zu folgender Erkenntnis:

„Die Unmöglichkeit Sittlich zu sein und zu leben – oder man läßt eben beides im Halben … Die Sittlichkeit, wie sie uns gelehrt wird, schließt immer schon die weltliche Niederlage in sich; wir retten die Welt nicht vor dem Teufel, sondern wir überlassen ihm die Welt, damit wir nicht selber des Teufels werden. Wir räumen einfach das Feld: um sittlich zu sein. Oder wir räumen es nicht; wir lassen uns nicht erschießen, nicht ohne weiteres, nicht ohne selber zu schießen, und das Gemetzel ist da, das Gegenteil dessen, was wir wollen..

Man kann darauf bedacht sein, das Gute durchzusetzen und zu verwirklichen, oder man kann darauf bedacht sein, ein guter Mensch zu werden – das ist Zweierlei, es schließt sich gegenseitig aus. Die meisten wollen gute Menschen sein. Niemand hat größere Freude daran, wenn wir gute Menschen werden, als der Böse. Solange die Menschen, die das Gute wollen, ihrerseits nicht böse werden, hat der Böse es herrlich!

[…]

Die ganze Erziehung, die nicht nur unsere Kirche, sondern auch unsere Schulen abliefern, geht wesentlich dahin, daß wir anständige Menschen werden, beispielsweise daß wir nicht stehlen – sie geht nicht dahin, daß wir uns wehren, wo auch immer gestohlen wird, und daß wir für das Gute, das sie uns lehrt, kämpfen sollen. Das Gute, wir wissen es läßt sich allerhöchstens in deiner eignen Brust verwirklichen. Ein guter Gedanke, gewiß, gut für die Herrschenden.

Die Unmöglichkeit, sittlich zu sein und zu leben – ihre Zuspitzung in Zeiten des Terrors. Womit arbeitet jeder Terror? Mit unserem Lebenswillen und also mit unserer Todesangst, ja, aber ebenso mit unserem sittlichem Gewissen. Je stärker unser Gewissen ist, um so gewisser ist unser Untergang. Je größer eine Treue, um so gewisser die Folter. Und das Ergebnis jedes Terrors: die Schurken gehen ihm durch die Maschen. Denn der Terror, scheint es, eignet sich besonders zur Vernichtung sittlicher Menschen. Er ist auf eine gewisse Sittlichkeit berechnet; sein früheres oder späteres, aber unweigerliches Versagen hängt vielleicht damit zusammen, daß er die Sittlichkeit verbraucht, bis er niemanden mehr daran fassen kann. und vor allem entwertet er auch das Leben, die Lust am Leben, bis es keinen übermenschlichen Mut mehr braucht, ein entwertetes Leben einzusetzen gegen ihn – nicht als Opfer in der Kiesgrube, wo es zu spät ist, nicht als sittlicher Märtyrer, sondern als unsittlicher Täter, bevor es zu spät ist: als Attentäter.“ (Quelle: Tagebuch 1946-1949)

Besonders der letzte Absatz dürfte uns, 7 1/2 Jahre nach den Anschlagen auf das World Trade Center und wenige Monate nach 7 Jahren George W. Bush, so wie sämtlichen Kontroversen die beide ausgelöst haben, doch recht aktuell und daher auch vertraut erscheinen.

Im Großen zeigt sich hier das Problem, welches sich im Kleinen pädagogisches Paradox nennt. Wie „frei“ kann sich eine Welt nennen, die in Ihrer Reaktion auf einen terroristischen Akt sämtliche Prinzipien und Werte, die sie zu verteidigen sucht, außer Kraft setzt? Wie werden sich die Generationen entwickeln, deren Zukunft mit Krieg, Folter und überwachungsstaatlichen Mitteln geschützt werden soll?

Fast jeder wird schon mal mit der Aufforderung „Sei doch mal spontan!“ konfrontiert worden sein und sich gedacht haben, dass diesem Wunsche nach zu kommen durch dessen Äußerung gerade unmöglich wurde. Diese Unmöglichkeit in sich ist eine Paradoxie. Die Erziehung eines Schutzbefohlenen hin zu freiem Denken und Handeln, durch den Einsatz von Regeln, Verboten und möglicherweise auch Strafen, ist eine solche Paradoxie im pädagogischen Feld. Gesellschaften zur Wahrung der Menschenwürde und dem Unterlassen jeglicher Form von Diskriminierung anzuhalten, indem Achsen des Bösen und Schurkenstaaten geschaffen werden darf sicherlich auch als paradox bezeichnet werden. Während das erste der drei Beispiele vergleichsweise harmlos ist, tragen Beispiel zwei und drei mit der Paradoxie automatisch auch das Problem der Vorbildfunktion mit sich. In beiden Fällen agieren zwei unterschiedlich mächtige Parteien. Der Erzieher agiert mit dem Zu-Erziehendem, Regierungen mit Gesellschaften. In beiden Fällen haben die Erstgenannten mehr Macht durch z.B. mehr Wissen, Einfluss, Erfahrung oder physische Überlegenheit. Genau diese Mächtigkeit bringt es aber auch mit sich, dass der jeweilige Inhaber auch die Verantwortung für die Situation trägt.  Wer zum Beispiel in einer erzieherischen Situation willkürlich seine Überlegenheit einsetzt anstatt durch Argumente zu überzeugen, der muss damit rechnen, dass der Zu-Erziehende mit eigener Überlegenheit ähnlich verfahren wird, da ihm dies als adäquates Mittel vorgelebt wurde. Die Verantwortung hierfür muss dann in erster Instanz dem Erzieher angelastet werden. Wenn ein Staat seine militärische Überlegenheit nutzt, um seine Interessen durchzusetzen, anstatt durch diplomatische Verhandlungen seine Ziele zu verfolgen, der muss zum Beispiel mit Akten der Selbstjustiz rechnen, da er dies in der mächtigeren Position vorlebte.

Wann immer wir an oder vor anderen handeln, sollte dies in dem Bewußtsein geschehen, dass sie es uns eines Tages gleich tun.

~ von evolusin - 2009.März 16.

5 Antworten to “Von Sittlichkeit und Moral”

  1. […] behandelt. Die Pole Sicherheit und Freiheit. An anderer Stelle ging ich bereits auf das pädagogische Paradox ein. Je sicherer wir leben wollen, desto mehr geben wir unsere Freiheit […]

  2. Was ist Erziehung? Ich denke, Erziehung zu definieren, ist möglich, indem man sagt, Erziehung dient in der Regel dem Zweck der Sozialisation, der Integration in die Gesellschaft. In heutigen Zeiten leben wir aber in einer „Riskiogesellschaft“. Arbeitsverhältnisse haben sich flexiblisiert, man arbeitet in Projekte, statt in der lebenslangen Festanstellung. Die Individualisierung schreitet voran. Das ist an sich positiv, da so die Selbstverwirklichung vorangetrieben werden kann und mit ihr die Mündigkeit und die Aufgeklärtheit und somit die Kritikfähigkeit. Im gleichem Atemzug rufen aber jene Tendenzen Haltlosigkeiten hervor, klare Strukturen, feste Traditionen und Regeln verlieren an Wert und zu ihnen gehören Regeln des Miteinanders und der Pflichterfüllung. Um zum Punkt zu kommen: Es ist unmöglich, in Zeiten der Flexibilisierung und der Individualisierung Erziehung im Sinne der Allgemeinpädaggik zu verstehen, Kindern und Jugendlichen einen „Wertekanon“ und einen „Wissenskanon“ von oben herab einzutrichtern. Es funktioniert nicht, weil jene Werte, jenes Wissen nicht mehr aktuell ist, weil der Glaube an jene Normen und Pflichten nicht mehr als Grundlage vorhanden ist. In flexiblen und individuellen Zeiten muss Erziehung sich an die 108jährige Tradition Ellen Keys anlehnen und reformpädagogisch am Kind ansetzen bzw. an der Heterogenität der Kinder. Statt „Allgemeinpädagogik“ mit Kanonwissen und Normenvermittlung brauchen wir individuelle Förderung in Talenten und Fähigkeiten und statt festgefahrene Normen, statt klare Trennungen von Gut und Böse, statt Moral, brauchen wir mehr Moralphilosophie, mehr Ethik. Nur so kann Erziehung zur Sozialisation führt, zur Integration in eine Riskisogesellschaft, die mit Selbstbewusstsein, statt mit Anpassung an veraltete Strukturen bewältigt wird.

    • Zum Thema, was Erziehung sein könnte, hab ich mich in diesem Blog an verschiedenen Stellen ausgelassen (Tagcloud & Suchmaske). Ich stimme Dir auf jeden Fall zu, dass eine allgemeine Pädagogik zum Scheitern verurteilt ist. In meiner mittlerweile neunjährigen pädagogischen Praxis stand deshalb auch immer das Kind für mich im Mittelpunkt. Nichts desto Trotz bin ich der Ansicht, dass zum Beispiel der Klassiker „Füge keinem anderen etwas zu, von dem Du selbst nicht möchtest, dass es an Dir getan wird.“ zu recht ein Klassiker ist. Das macht doch auch den Unterschied zwischen Regeln/Gesetzen und moralischem Handeln aus.
      Interessant, dass Du die Moralphilosophie ansprichst. Momentan arbeite ich an einem Text zu Kohlbergs Moralentwicklung.
      I keep you posted😉

  3. Du schreibst:

    Trotz bin ich der Ansicht, dass zum Beispiel der Klassiker „Füge keinem anderen etwas zu, von dem Du selbst nicht möchtest, dass es an Dir getan wird.“ zu recht ein Klassiker ist.

    Finde ich nicht, weil dieser Spruch, suggeriert, ich und der konstruierte Andere, wir beiden hätten die gleichen Bedürfnisse und Interesse, wir wären alle gleich. Klar, die Grundbedürfnisse sind in der Regel gleich, aber die Interessen sind unter den Menschen heterogen, unterschiedlich und vielfältig. Was ich will, will Paul nicht und Susi schon mal garnicht. Umgedreht, was ich nicht will, darauf fährt Paul ggf. total ab. Wenn ich z.B. nicht will, dass man mir Heavy Metal antut, dann habe ich kein Recht, mich zum Maßstab der Menschen zu machen. Zu Kohlberg: Kohlberg ist nicht Moralphilosophie, sondern Moralentwicklungspsychologie.

  4. Ja, Moralphilosophie vs. Moralentwicklungspsychologie hast Du natürlich recht. Kam ich nur drauf, weil ich beiden Begriffen in dem selben Text zum ersten mal begegnet bin.
    Bzgl. des Klassikers teile ich Deine Sicht der suggerierten Vereinheitlichung nicht. Natürlich haben alle Subjekte individuelle Bedürfnisse. Diese sind bei dieser Aussage aber nicht der Gegenstand. Es geht doch viel mehr darum, dass bei Handlungen, die die psychische oder physische Unversehrtheit berühren, mit erhöhter Sensibilität verfahren wird. Meiner Meinung nach hinkt deshalb auch Dein Metal Beispiel.

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